„Oh no!“ ruft der nette Wirt mit schreckgeweiteten Augen: „Money! Cash!“ Bezahlen mit Kreditkarte ist im äthiopischen Restaurant „Nyala“ in Darmstadt nicht möglich. Auch sonst ist manches anders. Besteck zum Beispiel gibt es nur auf besonderen Wunsch, ansonsten wird mit der Hand gegessen.
Die kleine Gaststube in der Gabelsberger Straße wirkt aber ziemlich normal. Sandgelbe Wände, Tresen mit Bierzapfanlage, dahinter ein stattliches Sammelsurium an Flaschen, europäische Bestuhlung. Ein paar Schemel vor niedrigen Tischchen gibt es auch. Etwa 25 Gäste finden Platz. Nur etwas Afrika-Dekor und ein paar Rastafari-Devotionalien in Grün-Gelb-Rot lassen auf die Art des Hauses schließen. Der Name eher nicht – das Nyala ist eine Antilopenart, die aber keineswegs in Äthiopien, sondern nur im südlichen Afrika vorkommt.
Serviert werden sämtliche Speisen mit dem aufgerolltem Fladenbrot „Injera“, einem Eierpfannkuchen nicht unähnlich, aber luftiger, völlig geschmacksneutral und kalt. Auch die Speisen sind kalt oder bestenfalls lauwarm, damit man sich nicht die Finger verbrennt. Der Gast zupft sich einen Fetzen vom Brotfladen, fährt damit über den Teller und rollt das Gewünschte mit Daumen, Zeige- und Ringfinger auch ohne Übung mühelos darin ein. Dann lässt es sich verspeisen, ohne die Finger zu verschmieren.
Restaurant Nyala
Gabelsberger Straße 9
64297 Darmstadt-Eberstadt
Telefon: 06151 3528282
Geöffnet von 17 bis 24 Uhr,
montags geschlossen.
Barrierefrei: nein,
Raucherbereich: nein
Haschee würde die deutsche Hausfrau vermutlich zu „Kitfo“ sagen, einem Tatar mit äthiopischer Gewürzbutter, das allerdings ebenso blass schmeckt, wie es aussieht. Kaum kräftiger schmeckt auch der leuchtend gelbe Maisbrei, eine Mischung aus ganzen Körnern und einer Art Polenta. Er ist aber zusammen ins Fladenbrot gewickelt eine hervorragende Trägersubstanz für das gulaschartige, nur sehr viel kleiner geschnittene Rindfleisch, das recht scharf gewürzt und butterzart gekocht ist. Überhaupt scheint der Kontrast das hervorstechendste Merkmal der äthiopischen Küche zu sein, farblich wie geschmacklich: Rote, scharfe Linsen haben wir probiert und braune, ganz mild gewürzt. Bohnen und Möhren mit dezenter Schärfe und gehackten Grünkohl fast ohne Würze, Lammragout mild und mit Pfefferschoten.
Sehr europäisch und im Vergleich zum Übrigen mit je sechs Euro nicht eben preiswert scheint der Nachtisch: Der Apfelstrudel mit Vanillesoße ist wohl ein Fertigprodukt, die gebratene Banane, überraschend mit einem kleinen Omelette in Orangensoße serviert, dagegen eine kreative Eigenleistung mit süßsaurem Kontrast.
Zu trinken gibt es neben Bier und Säften ein paar Weine aus der Region und aus Südafrika – einfache, solide Gewächse. Angetan hat es uns dagegen eine äthiopische Spezialität, genannt Tej: eine Art Honigwein mit Zusatz von Blättern des Gesho-Strauchs. Durchgoren und gefiltert schmeckt Tej ein wenig wie Holunder-Bionade mit einem Schuss Tequila (0,1 Liter für 2,70 Euro). Besonders eindrucksvoll ist jedoch die ungefilterte, halb vergorene Variante, die an Federweißen erinnert und traditionell aus einem Glaskolben (der Viertelliter zu 4,50 Euro) getrunken wird.
Zum Schluss gibt es würzigen äthiopischen Mokka, aus einem bauchigen Kännchen in kleine Näpfe ausgeschenkt. Und dazu eine Schale mit einem glühenden Stückchen Kohle. Aus einem winzigen Körbchen streut der Gast, wenn er mag, ein paar Krümelchen Weihrauch darüber – sehr exotisch. Wir erinnern uns: Äthiopien hat eine jahrtausendealte jüdische und christlich-orthodoxe Tradition, da schätzt man das. Schnaps schätzt man aber auch. Auf Kosten des Hauses gibt es zum Abschluss einen Kornbrand mit interessanten Röstnoten, fast wie ein schottischer Whisky. Aber nur fast.

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