Gulasch ist mehr als eine Speise. Es ist ein Sinnbild der deftigen deutschen Küche. Beim Gedanken an Gulasch kommen Erinnerungen hoch. An die Oma auf dem Land, wo das Fleisch auf grünen Wiesen weidete, bevor es als geschmortes Ragout mit Spiralnudeln aufgegabelt wurde. Wo die Petersilie im Garten wuchs und in den grünen Salat kam, der immer auch mit Zucker angemacht war. Und weil dem Opa diese Süße noch nicht reichte, löffelte er zum Gulasch gerne Apfelkompott.
Ganz anders ist es im eritreischen Restaurant „Baobab“, im Januar eröffnet in den Räumen des ehemaligen „Quartier Latin“ im Darmstädter Martinsviertel. Dort gibt es zwar Gulasch in allerlei Variationen, doch heißt es dort „Zigni Begie“ oder „Keyih Kulwa“ und wird nicht mit Nudeln gegessen. Und auch nicht mit Gabeln oder Löffeln. Denn kredenzt wird das deftige Ragout mit „Ingera“, einem säuerlichen kalten Brotfladen im Pfannkuchenformat, der Beilage und Besteck gleichzeitig ist. Mit den Fingern essen?
Oma und Opa hätten beim Gedanken daran amüsiert mit dem Kopf geschüttelt. Doch die Fingerübung, die einem hier abverlangt wird, hat was für sich. Um im Erinnerungsmodus zu bleiben: Man wird wieder zum Kind, das mit Essen herummanscht. Der neumodische Begriff „Fingerfood“ bekommt hier eine schön archaische und irgendwie auch leicht anarchische Entsprechung. Und der Gast bekommt einen Karton Kosmetiktücher auf den Tisch gestellt.
Doch es lohnt sich, das wegen Unfähigkeit im Umgang mit dem eritreischen Beilagenbesteck an den Fingern klebende Essen zwischendurch immer wieder abzuschlecken, denn es ist äußerst schmackhaft. Das Fleisch wurde so lange geschmort, dass es butterzart ist und von einer Soße umgeben, in dem sich Gemüse und Gewürze zu einem pikanten und sämigen Substrat einreduziert haben. Oma würde hier von einer grandiosen „Tunke“ sprechen. Wer satt werden will, bestellt am besten mindestens den gemischten Teller „Behansab“ (9 Euro), auf dem sich neben den Gulaschhäufchen ein gleichfalls zarter und pikanter Hähnchenschenkel tummelt sowie mehrere würzige Gemüsepasten.
In der Vegetarier-Variante bilden diese eine Inselgruppe auf dem Fladen. Hervorstechend ist das scharfe Kichererbsenmus, doch auch die Kartoffeln mit Weißkohl oder die fruchtig-exotischen Linsen in feiner Tomatensoße munden lecker. Dagegen sehr mild angemacht ist der Blattspinat, der kaum gewürzt ist. Dafür belegt er eindeutig Platz eins auf der Hitliste der fladengestützten Greifbarkeit.
Es hat vermutlich mit der kleinen Abenteuerreise ins Land des Speisens ohne Besteck zu tun, warum sich das Baobab selbst als „Erlebnisbar“ bezeichnet. Hinzu kommt, dass man hier auch anders sitzt als gewohnt – nämlich auf Holzstümpfen, Sitzkissen oder Bänken in einer puristisch gezimmerten Holzhütte. Das Interieur ist geprägt von stilvollem Massivholz- und Steinhandwerk, wirkt robust und karg und dennoch edel. Gemütlichkeit verstrahlen warme Farbtupfer und ein alter Holzofen, und überall begegnet dem Gast afrikanisches Getier – an den Wänden, auf der Toilette, in der Karte.
Der neue Betreiber hat viel Arbeit und Liebe zum Detail hineingesteckt, um aus dem ehemaligen Bistro diesen Ort gepflegter Ethnie zu machen, was auch in der Weinauswahl zum Ausdruck kommt. Hinter dem „Golden Kaan“ etwa verbirgt sich ein trockener Cabernet Sauvignon aus Südafrika mit einer fruchtigen Kirschnote (3,80 Euro), der prima zu dem geschmorten Fleisch und Gemüse passt. Schön wäre es, das Menü durch ein Dessert abzurunden. Doch das findet sich leider nicht auf der überschaubaren Speisekarte.
Um so mehr Neugierde weckt das exotische Frühstücksangebot (2,10 bis 12,60 Euro) vom scharfen Rührei mit Tomaten und Zwiebeln über feurige Chili-Marmelade bis zum eritreischen Frühstück mit Bohnen, Paprika, Zwiebeln, Tomaten und Schafskäse. Das muss unbedingt beim nächsten Mal probiert werden. Bei Oma und Opa gab’s immer aufgebackene Brötchen und Bierschinken.
Restaurant Baobab
Wenckstraße 1a
64289 Darmstadt
Telefon: 06151 9814603
Geöffnet Sonntag bis Mittwoch von 18 bis 24 Uhr,
Donnerstag bis Samstag von 18 bis 1 Uhr.
Mittagstisch: Montag bis Freitag von 11.30 bis 15 Uhr.
Raucherbereich: nein
Internet: www.baobab-erlebnisbar.de
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