Gewalt, Sex und Grenzüberschreitungen im Kindes- und Jugendalter: Mit diesen Themen mussten sich auch frühere Generationen schon auseinandersetzen. Mit den neuen Medien kommen diese Probleme im neuen Gewand daher.
Für Oliver Wilhelm und Corinna Perleberg von Pro Familia ist das „alter Wein in neuen Schläuchen“. Der Umgang mit dem Problem ist dennoch eine große Herausforderung für alle Beteiligten. Deshalb veranstalten sie Workshops für Jugendliche, Elternabende und Fortbildungen für Menschen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten.
Das klassische Aufgabengebiet von Pro Familia ist eigentlich die Sexualpädagogik. Ein Widerspruch? Keineswegs, denn sexuelle Grenzüberschreitungen gibt es auch in den Chatrooms im Netz. Hier setzt die Kampagne „sexnsurf“ von Pro Familia an. Jugendliche sollen lernen, respektvoll mit virtuellen Gesprächspartnern umzugehen und eine eigene ethische Haltung zu den Inhalten des Internets entwickeln.
Es gibt eine „Chatikette“, die den Jugendlichen zum Beispiel erklärt, dass man Leute, die sich im Chat daneben benehmen, am besten ignoriert. Und für den eigenen Frust gilt: Es wäre fies, diesen an anderen Chattern auszulassen. Hinzu kommt der Datenschutz: „Man sollte mit seinem Kind unbedingt darüber reden, wie man sich in sozialen Netzwerken verhält, und was man von sich preisgibt und was nicht“, so die Pädagogen.
Ein weiteres heißes Eisen sind die medial transportierten Männer- und Frauenbilder. Denn im Internet werden nicht selten Verhaltens- und Lebensmodelle vermittelt, die mit der eigenen Realität kaum etwas zu tun haben. Modelle, die eher verunsichern, als Fragen beantworten. In der Pubertät suchen Jugendliche den besonderen Reiz und Kitzel, das wissen die Pro Familia-Mitarbeiter. Sie appellieren an die Eltern, ihre Kinder noch vor der Pubertät liebevoll und kindgerecht aufzuklären. „Man sollte versuchen, eine offene, verständnisvolle und dem Alter angemessene Sprachkultur für die Themen Liebe und Sexualität zu finden.“ Dies sei der sicherste Weg, sein Kind vor überfordernden Erlebnissen durch sexuelle Inhalte in den neuen Medien zu schützen. „Schweigt man zu dem Thema, holen sich die Jugendlichen ihr Wissen auf irgendwelchen schrägen Seiten im Internet.“
Zudem dürfe man den Einfluss des Elternhauses keinesfalls unterschätzen. „Das Männer- oder Frauenbild, das ein Kind hat, holt es sich natürlich nicht nur im Internet, sondern es übernimmt es hauptsächlich von zu Hause, von dem, was es vorgelebt bekommt“, sagen Perleberg und Wilhelm. Ein authentisches Vorbild sein, das gelte auch für die sozialen Netzwerke. „Wenn ich als Mutter den ganzen Tag bei Facebook eingeloggt bin, kann ich meinem Kind kaum vermitteln, dass ich nicht möchte, dass es bei schülerVZ dabei ist“, erklären die beiden. Erfahrungsgemäß seien ab der sechsten Klasse 95 Prozent der Kinder in schülerVZ angemeldet.
Wo es soziale Netzwerke gibt, gibt es auch Cyber-Mobbing. „Wenn früher ein Kind in der Schule gehänselt wurde, war es nachmittags vorbei.“ Beim Cyber-Mobbing gehe das zu Hause weiter. Sich in einem solchen Fall einfach nicht mehr ins Netzwerk einzuloggen, falle den meisten Schülern schwer. „Der Account wurde mit viel Liebe gepflegt, außerdem kappt man dann auch jeden Kontakt zu den Freunden“, so die Experten von Pro Famila. Eltern sollten hellhörig werden, wenn ihr Kind sich zurückzieht, in der Schule einen starken Leistungsabfall hat oder Schlafstörungen bekommt. Dann heißt es: nachfragen und mit dem Kind reden.
Am besten könnten Eltern ihr Kind schützen, wenn sie echtes Interesse zeigen. „Man sollte sich alles erklären lassen und nachfragen, was das Kind daran so begeistert“, sagt Perleberg. Wenn als Antwort käme „Hier kann ich auch mal stark sein“, dann hätten Eltern einen Handlungsauftrag. Die Pädagogen empfehlen, Kindern bis etwa 14 Jahren kein Internet ins Zimmer zu stellen und ihnen auch kein internetfähiges Handy zu überlassen.
Trotz aller Gefahren, die die neuen Medien in sich bergen, eröffnen sie auch Chancen. „Jugendliche können kreativ sein. Da ist viel Potenzial zum Ausleben, was es in der realen Welt so nicht gibt“, sagen die Pro-Familia-Mitarbeiter. Und jemanden kennenlernen, flirten, sich selbst darstellen – das seien und blieben zentrale Themen in der Pubertät.
Zwischen Cyber-Mobbing und Chatikette
Internet: Kinder und Jugendliche sollten sich fürs Surfen im Internet besser wappnen – Vorbildfunktion der Eltern stärken
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