E-Paper | Mobil | Newsletter | RSS RSS
 
 
| |
 
SUCHE: | Erweiterte Suche |
 
| Suchen |
 
 
 
27. Januar 2012 Von Michael Horn

Nachgedruckte NS-Zeitungen: Der Führer am Kiosk?

Medien & Publizistik – Das Projekt eines britischen Verlegers sorgt für Protest

| Vergrößern | Gedruckte Zeitgeschichte: Der ersten Ausgabe der „Zeitungszeugen“ lagen Exemplare der NS-Zeitung „Der Angriff“, des kommunistischen „Der Kämpfer“ und der Deutschen Allgemeinen Zeitung bei, eines nationalkonservativen Blattes. Foto: Hans Dieter Erlenbach

„Massenstreik! Massen-demonstrationen! Verhindert die Papen-Hitler-Diktatur!“, titelte die kommunistische Zeitung „Der Kämpfer“ am 30. Januar 1933. Zu spät: Um die Mittagszeit hatte Reichspräsident Paul von Hindenburg den Führer der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) mit der Gründung einer Reichsregierung beauftragt. Abends feierten die Nazis die sogenannte Machtergreifung mit einem triumphalen Fackelzug durchs Brandenburger Tor. Blätter wie „Der Kämpfer“ gehörten bald darauf der Vergangenheit an, denn die Beseitigung der freien Presse zählte zu den ersten Maßnahmen der neuen Machthaber. Betroffen waren zu allererst kommunistische und sozialdemokratische Blätter, aber selbst die Schonfrist für nationalkonservative Zeitungen war kurz. Fortan gaben die Nationalsozialisten die veröffentlichte Meinung vor. Die Zeitungen jener Jahre sind eine unschätzbare Quelle. In den Archiven haben sie den Feuersturm des Zweiten Weltkriegs überstanden. Seit kurzem sind einige davon wieder am Kiosk erhältlich. Dafür sorgen der britische Verleger Peter McGee und sein Projekt „Zeitungszeugen“. Bereits 2009 und 2010 hatte er Zeitungen aus der Zeit des Dritten Reichs reproduziert und verkauft. Die Nachdrucke steckten in einer vierseitigen Hülle, auf der namhafte Wissenschaftler den Inhalt erläuterten und kommentierten. Insgesamt erschienen 96 Ausgaben. Offenbar war das Projekt wirtschaftlich einigermaßen erfolgreich, denn seit Anfang Januar gibt es die zweite Auflage. Das Konzept ist weitgehend identisch, auch die nachgedruckten Zeitungsausgaben. Der erklärende Umschlag umfasst jetzt acht Seiten. Neben den unabhängigen Blättern der Anfangszeit und späteren Ausgaben der deutschen Auslandspresse sollen auch diesmal Nazi-Zeitungen nachgedruckt werden. Schon der ersten Ausgabe ist der „Angriff“ vom 30. Januar 1933 beigefügt, in dem Joseph Goebbels forderte, nun endlich „Reinen Tisch“ zu machen. Für Historiker sind die geifernden Hasstiraden des Propagandaministers wissenschaftliche Quellen wie andere auch. Sie müssen trennen zwischen persönlicher Abscheu und nüchterner Analyse. Aber trotzdem bleibt mindestens ein mulmiges Gefühl zurück, dass der „Völkische Beobachter“, das offizielle Parteiorgan der NSDAP, und andere Hetzblätter demnächst wieder zigtausendfach verkauft werden sollen. Wenigstens bleibt den Lesern der „Zeitungszeugen“ das widerlichste aller NS-Druckwerke erspart, Julius Streichers „Stürmer“.Der Nachdruck von Nazi-Zeitungen sorgte schon vor drei Jahren für Protest. Die Experten, die das Projekt wissenschaftlich begleiten, sind über jeden Zweifel erhaben. Unter ihnen sind so namhafte Historiker wie der altgediente Hans Mommsen oder Barbara Distel, langjährige Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau. Aber niemand kann verhindern, dass alte und neue Nazis den kommentierenden Umschlag einfach entfernen und die Zeitungen ohne ihren wissenschaftlichen Kontext in Umlauf geraten – als braune Devotionalie sozusagen. Schon bei der zweiten Ausgabe eskalierte der Streit. Der bayerische Staat ließ tausende Exemplare der „Zeitungszeugen“ beschlagnahmen, weil der „Völkische Beobachter“ beilag. Der Freistaat ist Rechtsnachfolger des Eher-Verlags, in dem die wichtigsten Druckerzeugnisse der Nazis erschienen sind. Mit der Waffe des Urheberrechts bekämpft die Staatsregierung seit langem jeden Versuch des Nachdrucks. Diesmal zog der Freistaat den Kürzeren: Das Landgericht München entschied, dass die Beschlagnahme unzulässig war und ein mögliches Urheberrecht für die Ausgaben des „Völkischen Beobachters“ 70 Jahre nach dem jeweiligen Erscheinen erloschen sei. Für die nächsten Wochen hatte Verleger McGee die nächste Provokation geplant. Kommentierte Auszüge aus Hitlers „Mein Kampf“ sollten in drei je 15-seitigen Broschüren veröffentlicht werden, beginnend an diesem Wochenende. Auf dem Titel war ein Bild Hitlers vorgesehen mit einem schwarzen Balken vor den Augen, darauf „Das unlesbare Buch“. Hitler als Bestseller am Kiosk? Es fällt schwer, sich das vorzustellen. Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden, hat dazu eine kluge und abgewogene Meinung. „Ich kann wirklich gut und sehr gerne auf die Veröffentlichung dieses wirren, durch und durch von Antisemitismus und Hass getränkten Buchs verzichten“, sagt er. „Mein Kampf“ sei grottenschlecht geschrieben und liege „zwischen Mist und Mystik“. Dazu bedürfe es keines Beweises. Graumann, der sich selbst als Internetjunkie bezeichnet, weiß auch, dass es jetzt schon nicht besonders schwer ist, an den Text zu kommen. Im weltweiten Netz ist „Mein Kampf“ nur ein paar Mausklicks entfernt, und wer mag, kann sich die knapp 800 Seiten starke Schwarte im Antiquariat besorgen: Immerhin wurde „Mein Kampf“ im Dritten Reich fast elf Millionen Mal gedruckt. Besitz und Verkauf sind in Deutschland nicht strafbar. Im Ausland wurde „Mein Kampf“ nach 1945 in vielen Sprachen fleißig nachgedruckt, bis in die jüngste Zeit. Glaubt man dem Eintrag des Internet-Lexikons „Wikipedia“, dient „Mein Kampf“ beispielsweise indischen Studenten als Management-Guide.Auch Charlotte Knobloch, Graumanns Vorgängerin im Zentralrat der Juden, lehnt die Pläne von Peter McGee ab. Sie vertraut zugleich auf die Urteilkraft der Menschen. Die deutsche Gesellschaft sei „so reif und geschichtsbewusst, dass sie die Veröffentlichung dieses wirren, stupiden und gruselig schlecht geschriebenen Pamphlets verkraften kann“.Darf man mit Hitler Geld verdienen? Das ist die zentrale und letztlich moralische Frage. Genau da setzt der bayerische Finanzminister Markus Söder (CSU) an. „Mit dem Thema macht man kein Geld“, sagt er. Das Interesse von Verleger McGee sei kommerziell und nicht wissenschaftlich. Söder hat diesmal das Urheberrecht mit Erfolg genutzt. Am Mittwoch erlies das Landgericht München eine entsprechende einstweilige Verfügung. Peter McGee war schon zuvor zurückgerudert, die Zitate aus „Mein Kampf“ werden unleserlich gemacht. Söders Schwert wird aber am 1. Mai 2015 stumpf – dann erlischt das Urheberrecht für Hitlers Buch. Danach greift bei der Veröffentlichung von NS-Schriften allenfalls noch der Straftatbestand der Volksverhetzung.Unstrittig ist eine wissenschaftlich kommentierte Ausgabe von „Mein Kampf“ notwendig. Das renommierte Institut für Zeitgeschichte in München hat 2010 angekündigt, dass es daran arbeitet. Geplanter Erscheinungstermin: wohl 2016.

 
 


BEWERTUNGEN
  •  
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
Bitte melden Sie sich an, um den Artikel zu bewerten. | Anmelden |
Dieses Thema kann nicht kommentiert werden.

 
Wetter: Heute | Morgen |
 
Morgens Mittags Abends
 
 
Darmstadt aktuell:
wolkig, 28°C | Mehr Wetter |
... ... ...
 
Veranstaltungskalender
 
Veranstaltungskalender
Ihre Termine in ganz Südhessen für Kultur und Kunst, Märkte und Feste, Party und Clubs.
 
| Mehr |
ANZEIGE
Surftipp der Woche
 
Suchmaschine für Unpopuläres Recherchiert man im Netz mit einer Suchmaschine nach Informationen, bekommt man schnell das Wichtigste angezeigt. Wer jedoch über die Standard-Seiten hinaus nach weniger Populärem Ausschau hält, für den ist diese neue Suchmaschine eine echte Alternative: | Mehr |
 
| Alle Artikel anzeigen |
FINDE UNS AUF FACEBOOK
 
 
LESERREISEN

Jahresprogramm 2012

 
Alle Reisen im Katalog zum Durchblättern.
| Zum Vergrößern Bild anklicken |
DVD-Tipps
 
Rund um die DVD Ein Technik-Glossar und nützliche Links rund um die DVD hat Echo Online zusammengestellt. | Mehr |
 
HOCHZEITSPORTAL

Ihre Hochzeit im Internet

Erstellen Sie Ihre persönliche Hochzeitsseite mit Ihrem Liebesglück, Hochzeitsanzeigen, Fotos und Videos, virtuellen Geschenken, Tipps und Ideen.
Mehr |
Film
 
Kinos in Südhessen Lust, mal wieder ins Kino zu gehen? „Echo Online“ hat aufgelistet, wo es in Südhessen Stadt-, Multiplex-, Imax- und Autokinos gibt. | Mehr |
 
Abo
 
Mini-Abo Genießen Sie die Berichterstattung zur Fußball-EM. Nutzen Sie außerdem Ihre Chance auf 1 von 8 Original Bitburger Party-Pakete!
Mehr |
 
 
Techniktipps
 
Tipps rund um PC und Smartphone Wie sichert man alle Mails in einer Datenbank? Wie komponiere ich einen eigenen Klingelton? Viele Antworten rund um Computer, Tablet-PC, Handy und Smartphone gibt es in unseren Techniktipps. | Mehr |
 
| Alle Artikel anzeigen |
ANZEIGE
Wer gute Notebooks online kaufen möchte, sollte auf www.billiger.de die Preise vergleichen.
Urlaubsreif? Mit bestfewo.de finden Sie die passende Ferienwohnung für Ihren Traumurlaub.
Domain Check auf united-domains.de: Ist Ihre Wunschdomain noch frei? Am besten gleich bei United Domains prüfen und wenn möglich registrieren.
 
SCHON GESEHEN?
 
 
ANZEIGE