Der Tarifvertrag für die etwa 14 000 Redakteure an deutschen Tageszeitungen steckt in der Krise, wie die Branche selbst. Am 4. Mai gehen in Dortmund die Verhandlungen über ein neues Vertragswerk in die fünfte Runde. Die Zeitungsverleger mit ihrer Lobby-Organisation BDZV an der Spitze wollen die Arbeitsleistungen der Redakteure billiger haben als bisher. Die beiden Journalistengewerkschaften verlangen hingegen mehr Geld, denn an den Journalisten sei im zurückliegenden Jahrzehnt schon genug gespart worden.
In der Zeitungsbranche ist das anders. Zum einen gibt es nur etwa 14 000 Redakteure an Tageszeitungen. Und deren vornehmste Ansicht besteht darin, nicht über sich selbst zu schreiben. Zu berichten gäbe es einiges, denn die Tarifverhandlungen laufen bereits seit September vergangenen Jahres, ohne dass auch nur ein Hauch von Bewegung in die Tarifauseinandersetzung geraten wäre.
Der Manteltarifvertrag der Redakteure ist vom Bundesverband der Deutschen Zeitungsverleger (BDZV) als Verhandlungsführer gekündigt worden. Zum parallel verhandelten Gehaltstarifvertrag gibt es die Forderungen der beiden Journalistengewerkschaften Deutscher Journalistenverband (djv) und Deutsche Journalisten Union (dju) in Verdi, die Gehälter der Betroffenen um vier Prozent anzuheben. Das stößt beim BDZV auf keine Gegenliebe.
Die deutschen Zeitungsverleger werden nicht müde vorzurechnen, dass sich ihre Branche in einer veritablen Einnahmekrise befindet. In den Zeitungshäusern sind die Werbeeinnahmen in den vergangenen zehn Jahren um etwa 50 Prozent gesunken. Und auch beim Verkauf der Zeitungen dreht sich das Rad, wenn auch langsam, rückwärts. Die verkauften Auflagen der Tagesblätter sind leicht aber stetig abgängig.
Die Eigentümer und Arbeitgeber in den Zeitungshäusern werden deshalb nicht nachlässig, dem logischen Reflex eines ehrbaren Kaufmanns zu folgen und die Ausgaben den sinkenden Einnahmen anzupassen. Das bedeutet, die Kosten zu senken. Und Zeitungsredaktionen sind besonders lohnkostenintensiv.
In den zurückliegenden Jahrzehnten haben die Zeitungen mächtig die Personalmenge, insbesondere in der Zeitungsherstellung, nach unten geschraubt. Zum Beispiel bei Herstellungsaufgaben, die von den Redaktionen mit übernommen wurden, was die Produktivität in den Denk- und Schreibstuben exorbitant gesteigert hat. Erst übernahmen die Redakteure zusätzlich die Jobs der Korrektoren, eher mit leidlichem Erfolg. Später umbrachen, gestalteten und layouteten sie in den meisten Redaktionen ihre Zeitungsseiten selbst. Und dort, wo das nicht geschieht, werden zweistellige Millionendefizite pro Jahr erwirtschaftet, so beispielsweise bei der traditionsreichen „Frankfurter Rundschau“, die deshalb nun radikalste Sparmaßnahmen ausrufen musste.
Diese Veränderung in den Zeitungen hat nicht nur das Berufsbild des angestellten Journalisten erheblich gewandelt, es hat die Redakteure vor allem unentbehrlich gemacht. Zwar greifen alle Zeitungen üblicherweise auch auf ein Heer freier Autoren zurück, aber die können sich eben nicht selbst redigieren, mit der Terminwahrnehmung beauftragen, Fotografen einsetzen, Themen in verschiedenen Ausgaben und medienneutral koordinieren, Zeitungsseiten umbrechen, Kommentare schreiben.
Mittlerweile ist allen Verlegern klar: Natürlich kann man fest angestelltes Personal in den Redaktionen abbauen, aber das macht die Qualität des Produktes Zeitung nicht besser. Also, so die Rechnung der publizistischen Arbeitgeber, muss man erreichen, die Arbeitsleistung der unverzichtbaren Mitarbeiter einfach günstiger zu bekommen.
Dies wollen die Verleger mit einem neuen Manteltarifvertrag erreichen. Derzeit erhalten die Redakteure an Tageszeitungen zu ihren zwölf Monatsgehältern jährlich 1,75 zusätzliche Monatsgehälter als Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Nach dem Willen des BDZV soll diese Zusatzleistung auf ein Monatsgehalt eingedampft werden. Zudem wünschen sich die Verleger einen zweiten Tarifvertrag, nämlich für Neueinsteiger in den Beruf. Diese sollen etwa 15 Prozent unter dem Niveau alimentiert werden, wie es Tageszeitungsredakteure heute gewohnt sind.
Damit sind die Gewerkschaften djv und dju in Gänze nicht einverstanden. Sie sehen in den angestrebten Absenkungen der tariflichen Leistungen eine dauerhafte Abwertung des Journalistenberufs. Der stellvertretende Verdi-Vorsitzende Frank Werneke findet: „Die gute Arbeit in Redaktionen darf nicht durch Tarifabbau bestraft werden, sondern verdient vielmehr echte Tariferhöhungen.“
Nüchtern betrachtet treffen in dieser Tarifauseinandersetzung Arbeitgeber und Arbeitnehmer aufeinander, die nicht damit zurechtkommen, dass sie gemeinsam in einer mittlerweile schrumpfenden Branche wirken. Die Verlagsmanager versuchen ihr Unvermögen, Erlöse zu halten oder zu steigern, damit zu kompensieren, dass sie weiter allein auf die Senkung von Kosten setzen. Aber die Gewerkschaften haben auf diese Krise auch keine Antwort, wie die schon beinahe rührend naive Forderung des djv zeigt, man möge auf die Auflagen- und Einnahmerückgänge doch bitteschön mit der zusätzlichen Einstellung von Redakteuren reagieren.
Ob nun am 4. Mai in Dortmund Bewegung in die diametralen Auffassungen gerät? Die vorerst letzten Gespräche hatte es am 23. Februar geben sollen. Doch die Vertreter des BDZV verließen den Tagungsort vorzeitig – sie hätten sich auf eine Protestaktion der Gewerkschaften einlassen und dazu auf Bildern von Redakteuren herumtrampeln müssen. Das mochten die Verleger nicht.
Zeitungsbranche - Tarife in der Krise
Blättern in Deutschland geht das Geld aus, Arbeit von Redakteuren soll deshalb billiger werden – Betroffene versuchen sich zu wehren
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