Kurz nach 22 Uhr am Donnerstagabend versuchte TV-Moderator Steven Gätjen die Stimmung im Kölner Sendesaal noch mal anzuheizen. Dazu fiel ihm ein Spruch aus der „Sportschau“-Mottenkiste ein: „Jetzt werfen mal einen Blick auf die Blitz-Tabelle.“ Freilich: Diesen Blick warfen die Zuschauer im Saal und an den Fernsehschirmen schon seit eindreiviertel Stunden. Denn die Blitztabelle der zehn Kandidaten war seit den ersten Sendeminuten von „Unser Star für Baku“ zentrales Element der neuen Showstaffel – und ein ständiges Ärgernis.
Sekundenaktuell sprang die zuschauergesteuerte Ranking-Tabelle um, zeigte aufs Zehntelprozent genau die Gunstanteile des Publikums für die Gesangsbeiträge, inklusive Miniaturbildchen der Teilnehmer. Die freilich waren ja eigentlich auch live auf der Bühne zu sehen und zu hören. Aber die Songs und Stars für Baku wurden von der internetinspirierten Bildregie hübsch überlagert. Bisweilen war man an die zappelige n24-Optik erinnert, in der Endlosschleifen von Naturdokus – Haiangriffe, Krokodilhatz - mit dem aktuellen Börsenticker unterlegt sind. „Totale Transparenz“ hatte das Moderatorenteam Steven Gätjen/Sandra Rieß versprochen. Es war fühlte sich knapp drei Stunden lang eher nach totaler Penetranz an.
Vielleicht hatte Stefan Raab, früher Jurypräsident und nun noch einfaches Mitglied, es nach Ansicht der Verantwortliche zuletzt doch allzu ruhig angehen lassen, war zu staatsmännisch an die „nationale Aufgabe“ herangegangen. Das neue Terror-Instrument „Blitztabelle“ hatte nun vor allem den Effekt, die zurecht nervösen Nachwuchssänger weiter zu verunsichern. Sängerin Yasmin rang sich im Backstage-Interview sogar zu offener Kritik durch: „Ich würde mir das Ding eigentlich wegwünschen.“ Da sprach sie vielen Zuschauern aus der Seele.
Es gab trotzdem viel Musik zu hören, und nicht alle Kandidaten schienen sich von dem Tabellen-Irrsinn oder dem nervtötend dämlichen und komplett humorfreien Moderatorenduo beeindrucken zu lassen. Zwei Stimmen ragten heraus.
Shelly Phillips, 20, eine Abiturientin aus Coburg, beeindruckte mit ihrem ausdrucksstarken Pop-Alt. Zugleich gefühlvoll und intonationssicher kam ihre Version der beschwingten Amy-Winehouse-Nummer „Valerie“ herüber, eine freche kleine Hip-Hop-Verzierung leistete sie sich auch noch. Thomas D, neuer Jurypräsident, klatschte ab den ersten Takten hingerissen mit. Stefan Raab schwelgte hernach: „Vieles ist Gesang, das hier ist Kunst.“ Phillips wirkte im Gespräch auch als am weitesten gereifte Persönlichkeit, die ihren Weg sicher unabhängig vom TV-Zirkus machen wird. Genau solche Typen sucht die Jury freilich.
In das Schema passt auch der ebenfalls 20 Jahre junge Roman Lob. Der rheinische Sympathikus – Holzfällerhemd, Dreitagebart, Knopf im Ohr – brachte seine Ballade „After Tonight“ derart stilsicher rüber, dass die komplette Jury standing ovations spendete. „Alder, ich hab geflennt“, kokettierte Thomas D, „Gänsehaut war gestern.“ Ausbaufähig ist dieser zart angerauhte Pop-Tenor allemal. In zwei Wochen kann man in der nächsten Runde mehr von ihm und Shelly Phillips hören, wie auch von drei weiteren Kandidaten dieses ersten Abends.
Tabelle des Terrors
Castingshow – „Unser Star für Baku“ sucht echte Typen – und nervt mit Internet-Optik
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KÖLN.
Aber was den Jury-Göttern gefällt, gefällt nicht immer dem Wahlvolk. In der Blitztabelle drohten beide Favoriten während der letzten (auf einem Extra-Pop-Up-Fensterchen eingeblendeten) Sekunden gar aus den ersten Fünf herauszufallen. Thomas D barmte: „Vergesst mir bloß die Shelly nicht, da kenn ich keinen Spaß!“ Worauf Raab jammerte: „Aber vergesst mir auch den Roman nicht!“ Die Appelle zeigten prompt Wirkung. Was einmal mehr beweist, dass gute Kunst eben auch starke Fürsprecher braucht. Kein Mensch aber braucht die Blitztabelle.

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