Was SS-Einheiten, deutsche Polizisten und Wehrmachtssoldaten der sechsten Armee am 29. und 30. September 1941 an einer Schlucht bei Kiew anrichteten, sollte als größte Massenexekution des Zweiten Weltkriegs in die Geschichte eingehen: zwei Tage Massenmord im Schichtbetrieb mit mehr als 33 000 erschossenen Juden. Was folgen sollte, war die industrielle Organisation des Tötens in den Vernichtungslagern. So hat sich der Name Auschwitz in der Wahrnehmung vor Babi Jar gelegt, und deswegen heißt die Dokumentation, die an jene Gräuel von Kiew erinnert, auch „Das vergessene Massaker.“
Siebzig Jahre nach der Tat ist es schwierig geworden, noch Zeitzeugen zu finden. Es war eine der letzten Chancen, dem Vergessen einen Film entgegenzusetzen, der sich nicht nur aus Archiven speist. Das macht diesen bedrückenden Beitrag von Christine Rütten und Lutz Rentner so verdienstvoll. Ein alter Ukrainer, der das Massaker als Kind überlebte, zeigt seinem Enkel in Kiew das Mahnmal für die Toten. Diese Szenen verklammern die Erinnerungen. Die Spur führt von Kiew nach Darmstadt, wo acht der Schergen eines SS-Kommandos 1968 am Landgericht im „Callsen-Prozess“ wegen Beihilfe zum Mord angeklagt wurden: angesehene Bürger – Steuersekretär der eine, Prokurist der andere, ein Kaufmann und auch ein Bankdirektor.
Der Anwalt Johannes Ferdinand (Hansfred) Glenz, bekannt durch die Darmstädter „Aktion Theaterfoyer“, war damals ein junger Pflichtverteidiger. Und schon damals gab es kaum Zeugenaussagen von Opfern. Zu gründlich hatten die Deutschen gewütet. Die Dokumentaraufnahmen der standhaften Überlebenden Dina Pronichev im Zeugenstand ragen aus dem Film heraus. Das vom Holocaust-Überlebenden Artur Brauner produzierte Drama „Babi Jar – Das vergessene Verbrechen“ (2002) liefert schwarzweiße Spielfilmbilder des monströsen Massenmordens. Der Tatort selbst verrät in einer Mischung aus Stadtpark und Waldromantik heute nichts mehr vom historischen Schrecken. Das haben die Täter selbst übernommen.
„Babi Jar – Das vergessene Massaker“ läuft am Montag um 23.30 Uhr im Ersten.
So gründlich sie gewütet haben, so gründlich wurde dokumentiert. „In verbrecherischer Dummheit haben sie jede Erschießung in Ereignismeldungen verzeichnet“, sagt Johannes Glenz im Frankfurter Filmmuseum bei der Diskussion zum Film. Zwar vernichteten die Nazis viele Beweise, doch Todesbürokraten im Auswärtigen Amt hatten Kopien der Babi-Jar-Dossiers aufgehoben. Dass es 1968 fast nur Entlastungszeugen gab, habe sich daher beim Prozess kaum ausgewirkt, erinnert sich Glenz. Das Gericht habe weitgehend nach Aktenlage entscheiden können. Ausreden und Ausflüchte seien zudem nicht glaubhaft gewesen. Hätten die Täter den Befehl verweigern können? Glenz ist sich sicher: „Niemandem ist da nachweisbar etwas passiert. Eine Notstandssituation gab es nicht.“

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