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30. Dezember 2011  | Von Siegmund Krieger

Mein Gott, wie lästerlich

Wo endet Meinungsfreiheit, wo beginnt Verunglimpfung von Religion? Nicht alles, was Christen stört, ist tatsächlich Gotteslästerung

 
| Vergrößern | Madonna im Kreuz: Der Auftritt der US-Popsängerin sorgte 2006 für Aufregung bei Christen. In den Niederlanden entschied die Staatsanwaltschaft, die Nachahmung des Gekreuzigten sei keine Gotteslästerung. Foto: dpa

Ein aufgeregter Anruf im Darmstädter Kirchenladen Kirche & Co. eben vor Weihnachten: „Haben Sie das „Echo-Eck“ heute in der Zeitung gelesen? Da muss sich doch mal die Kirche zur Wehr setzen!“ Worum geht es denn? „Da hat die Redakteurin ein Mutter-Vater-Kind-Spiel belauscht, weihnachtlich umgemünzt auf Maria und Jesus. Er fragt, ob er draußen spielen dürfe, und sie antwortet ’Ja, aber pass auf, dass Du nicht ans Kreuz genagelt wirst.’ Das geht doch zu weit.“
Darf so etwas in der Zeitung stehen, selbst, wenn hier nur Kindermund zitiert wird? Muss sich nicht die Kirche gegen so etwas Religionsverunglimpfendes zur Wehr setzen? Soll sie einfach all solche Dinge schweigend erdulden? Welchen Aufstand hat es in der islamischen Welt gegeben, als ein dänischer Zeitungszeichner seine Mohammed-Karikaturen veröffentlichte? Demonstrationen, politische Verwicklungen, Todesdrohungen und Polizeischutz für den Zeichner gab es damals.
Und die Christen schlucken alles? Immer wieder einmal sind solche Anfragen bei mir gelandet. Vor einigen Jahren hing in Darmstadt das Plakat eines Stuttgarter Privatsenders. In einem Kirchenraum steht ein Paar mit gefalteten Händen, wobei der Mann seiner Partnerin in den ansehnlichen Ausschnitt schielt und irgendetwas Anzügliches sagt. Anruf eines aufgebrachten Bürgers, wir von der Evangelischen Kirche müssten doch energisch öffentlich dagegen protestieren. Meine Antwort: „Etwas Besseres kann dem Sender gar nicht passieren, als dass ich damit protestierend an die Presse gehe und dass die Zeitung auch noch ein Foto von diesem Plakat verbreitet. So aber hängt das Plakat die üblichen zehn Tage und dann ist es vergessen.“ Verstanden hat es dieser Bürger nicht.
Vor etwa einem Jahr gab es – speziell unter katholischen Christen – in Hainburg Ärger über das Plakat, mit dem ein Kabarettist, der auch evangelischer Pfarrer ist, für sein Programm warb. Die berühmte Sixtinische Madonna mit dem Gesicht von Angela Merkel hält das Kind Guido Westerwelle im Arm, während Obama und Putin von der Seite zuschauen. Im Vordergrund der Kabarettist mit Gitarre und Beffchen.

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Siegmund Krieger, Pfarrer und Öffentlichkeitsbeauftragter im evangelischen Dekanat Darmstadt. Foto: Roman Grösser
Auch im Schaukasten des Offenen Hauses in der Darmstädter Rheinstraße hing dieses Plakat. Die Reaktionen: entrüstete Besucher, die forderten, diese Verletzung religiöser Gefühle sofort aus dem kirchlichen Haus zu entfernen. Und andere, die fragten, wo man das Poster käuflich erwerben könne. Nebenbei: Im kommenden Jahr – „500 Jahre Sixtinische Madonna“ – wird das Plakat neben dem Original in Dresden hängen.
Letztes aktuelles Beispiel: der Mediamarkt hat unter neuer Leitung und mit einem neuen Marketingkonzept beschlossen, nicht mehr „nicht blöd“ sein zu wollen, und wirbt deshalb mit dem Spruch, Weihnachten werde unter dem Baum entschieden. Katholische Bischöfe in Bayern haben energisch gegen diese Verunglimpfung der Religion protestiert. Da hat mir die Reaktion der evangelischen und der katholischen Jugend in Bayern besser gefallen. Die haben in ein Bild auf ihrer Homepage die Antwort gesetzt: „Weihnachten wurde unter dem Stern entschieden! Wir sind doch nicht blöd.“ Das hat was.
Unbestreitbar ist, dass die Rocksäume des guten Geschmacks in den letzten Jahren häufiger mal verrutscht sind. Aber neu ist das nicht. Aus dem alten Rom ist eine Darstellung des Gekreuzigten mit einem Eselskopf bekannt, und besonders zur Zeit der Reformation gab es regelrechte Propagandakriege mit massenhaft verbreiteten Flugblättern. Dabei überboten sich die Zeichner mit herabsetzenden Darstellungen der jeweils anderen Konfession.
Soll heute die Kirche protestieren, wenn „Gotteslästerliches“ oder „Religionsverunglimpfendes“ veröffentlicht wird? Wer das fordert, statt selbst einen kritischen Leserbrief zu schreiben, drückt sich. Er huldigt der Vorstellung, die Kirchen seien Autoritäten, die der Presse oder wem auch immer sagen können, was veröffentlicht werden darf und was nicht. Nein – das müssen sich gelegentlich auch die katholischen Bischöfe sagen lassen – wir haben eben nicht die Mullahs, die so etwas verbieten, den Volkszorn anstacheln und gar mit einer Fatwa (Religiöses Rechtsgutachten im Islam) zur Verfolgung des Übeltäters aufrufen.
Wir müssen nicht über alles lachen, was Leute mit religiösen Symbolen anstellen. Man muss die oben erwähnte Glosse nicht lustig finden. Aber ich empfehle den Christen doch etwas mehr Gelassenheit. Wenn die Kirchen bei ihrem Eigentlichen bleiben, nämlich der Ausstrahlung, die von der Botschaft Christi ausgeht, dann brauchen sie keine Nebenschauplätze aufzumachen.

 
 
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