Bislang ohne Erfolg sucht die Zeitungsbranche nach Alternativen zum gedruckten Papier, seitdem sich die Tagespresse nicht mehr wie gewohnt über Anzeigenerlöse finanzieren lässt. Auch das 18. Forum Lokaljournalismus der Bundeszentrale für politische Bildung, diesmal in Dortmund zu Gast, hatte den Tagungsteilnehmern kein pauschal verwertbares Geschäftsmodell vermitteln können. ,,Stochern im Nebel 4.0" fasste deshalb ein Tagungsteilnehmer die zahlreichen Wortbeiträge und Referate zusammen.
Verunsichert, ob teuer bezahlter Journalismus überhaupt noch eine Zukunft hat, mühen sich viele Chefredakteure und Redaktionsleiter im Internet mit Blogs ab und twittern - plappern wäre die korrekte Bezeichnung - munter die Kanäle im weltweiten Web voll. Geld wird damit keines verdient, allenfalls virtuelle Reichweite erzielt.
Einzig das Medienhaus Südhessen sorgte in der Veranstaltung mit dem Titel ,,Mutig, Multimedial, Meinungsbildend" für anerkennende Aufmerksamkeit, weil das Unternehmen aus Darmstadt mit neuen Printprodukten in Nischen neben der Tageszeitung für greifbare Erlöse sorgt.
Viele Jahre wurde Zeitungsverlagen vorgeworfen, aus Überheblichkeit Entwicklungen im Internet verschlafen zu haben. Deshalb wollen sich etliche Blattmacher jetzt beweisen, wie trendy sie sein können und sind sich dann auch nicht zu fein, vor 150 Teilnehmern eines Kongresses zu schildern, wie man sich in 140 Zeichen - so kurz ist ein Text, ein Tweet, beim Twittern, beim Zwitschern - über die Erlebnisse eines anderen Chefredakteurs bei Bahnreisen im ICE austauscht.
Außer Suchmaschinen und elektronischer Post ist im Internet bisher noch nichts von Dauer gewesen, weshalb es gar nicht so schlimm sein mag, manches im Netz zu verschlafen, wie die virtuelle Welt von ,,Second Life" beweist. Vor einigen Jahren als Zukunft des Internets gepriesen und angeblich die Marketingplattform der Zukunft, ist ,,Second Life" längst kein Thema mehr. Und das Bloggen schickt sich gerade an, das gleiche Schicksal zu erleiden.
Putzig wirkte die Abschlussdiskussion zur Frage, ob die Lokalzeitung 2020 ein Leitmedium sei oder zum Auslaufmodell werde. Der Berliner Blogger und Autor Sascha Lobo, die Professoren Klaus Meier (Dortmund, früher Darmstadt) und Stephan Weichert (Berlin) sowie der Medienwissenschaftler Horst Röper priesen soziale Netzwerke und Plattformen wie Facebook oder Twitter als unverzichtbare Form eines sogenannten Bürgerjournalismus. Die Chefredakteure der Tageszeitungen Main-Post (Würzburg) und Westfälische Rundschau (Dortmund), Michael Reinhard und Malte Hinz, wollten hingegen von ihren Mitdiskutanten wissen, ob sie sich auch von Bürgerchirurgen operieren oder von Bürgerpiloten fliegen lassen wollten. Für beide steht außer Frage, dass die Lokalzeitungen das Leitmedium für Inhalte bleiben. Reinhard findet: ,,Die Qualität macht die Relevanz aus."
Richtig ist sicher, dass viele große Zeitungen so weit weg von ihren Leserinnen und Lesern sind, dass es für sie offenbar eine neue Erkenntnis ist, es sei wohl doch hilfreicher nahe am Leser dran zu sein. Kontakte in Facebook mögen da ein Hilfsmittel sein zu erfahren, was die Kundschaft, in dem Fall die Leser, wünschen. Ansonsten hilft auch einfach das gute alte persönliche Gespräch.
Aufgeworfen wurde auch die Frage, ob Print-Journalisten überhaupt in der Lage sind, qualifiziert die medialen Spielformen des Internets zu nutzen. Der bemerkenswerteste Beitrag zu dieser Fragestellung kam von Sarah Schantin-Williams, Beraterin der Organisation WAN-Ifra (Darmstadt). Sie wies darauf hin, dass die sechsstündige Produktion eines Videoclips von drei Minuten Länge durch einen Printredakteur keinen Sinn macht, wenn zudem der Beitrag auch noch verwackelt, von schlechter Tonqualität ist und anschließend lediglich von zwölf Leuten im Internetauftritt angeklickt wird. Schantin-Williams appellierte an die Verlagshäuser dafür zu sorgen, dass Journalisten das machen was sie können.
Dies ausgerechnet von einer Vertreterin der Ifra zu hören, ist allerdings sehr erstaunlich. Denn gerade diese Organisation, am Darmstädter Washingtonplatz ansässig, war es, die vor vielen Jahren nicht müde wurde, bei den verschiedensten Veranstaltungen Verlegern den Floh ins Ohr zu setzen, in Zukunft rücke ein schreibender Reporter mit Block, Videokamera und Mikrofon aus, um von einer Pressekonferenz nicht nur einen Text, sondern auch noch eine Audiodatei und ein Filmchen mitzubringen. Nachdenkliche Branchenvertreter hielten dies damals für Quatsch. Mittlerweile ist der Kreis derer, die so denken, enorm gewachsen.
Die Hannoveraner Professorin Wiebke Möhring sieht den Journalisten der Zukunft zwar als Mediengeneralisten. Von dem dürfe man nach sechs Semestern Bachelor-Studium aber keine Wunderdinge erwarten. Der Medienblogger Christian Jakubetz findet, dass ein Journalist nicht alles können muss. Er solle seinen eigenen Beruf vielmehr als Kommunikator verstehen. Möhring meint, bürgerjournalistische Elemente könnten den Journalisten bei ihrer Arbeit helfen. Sie beklagte, dass Verleger zwar Strategien entwickeln und vorgeben, aber anschließend keine Voraussetzungen schaffen, diese auch umzusetzen.
Im Themenblock ,,Kreativ aus der Krise" präsentierte das Medienhaus Südhessen aus Darmstadt seine Nischenpolitik mit Printprodukten. Zwar gab es bei den Darmstädtern zu Beginn des Novembers 2009 auch eine erfolgreiche Erneuerung des Internetauftritts www.echo-online.de. Geld verdient und Auflage gemacht wird in dem Unternehmen, zu dem neben anderem die ECHO-Zeitungen gehören, allerdings seit einigen Jahren auch mit eigenen publizistischen Angeboten wie der überaus populären Beilage ,,Kinder-Echo" oder dem Magazin für Macher und Märkte in Südhessen, dem ,,Wirtschaftsecho", das alle zwei Monate erscheint. Hauptumsatzträger bleibt, Twittern hin oder her, die Tageszeitung.
Es ist offenbar lohnend, sich der Stärken und des eigenen Könnens zu besinnen. Ifra-Rednerin Sarah Schantin-Williams erinnerte jedenfalls daran, dass nach wie vor die Tageszeitung das Medium ist, dem am meisten vertraut wird - vor Fernsehen, Internet und Radio.
Betrachten Sie auch ein Video von der Veranstaltung.
Trends im Zeitungsdesign
Während des Lokaljournalismusforums präsentierte der Designer Norbert Küpper die Trends im Zeitungsdesign. So dominieren aktuell in der Zeitungsgestaltung Seriosität und Eleganz.
Der gestalterische Ansatz, Zeitungen in der Optik wie ein Magazin wirken zu lassen, ist nach wie vor beliebt und wird durch den Einsatz großer, zentraler Bilder gefördert. Verpönt sind Fotos vom Format einer Briefmarke, auf denen nichts zu erkennen ist. Im Trend sind außerdem eingebaute Kurzkommentare in Artikeln – optisch oder typographisch vom Haupttext getrennt. Die Nähe von Artikel und dazu gehörendem Kommentar wird als unverzichtbar angesehen.
Neu ist eine Tendenz wieder zu längeren Artikeln. Viele Zeitungen geben dem Hintergrund in der Berichterstattung keinen Raum und Beiträge werden zwangsweise bei spätestens 80 Zeilen beschnitten. Das beginnt sich zu verändern, weil Kürze und Qualität nicht zwangsweise zusammen gehören.
Bei den ECHO-Zeitungen in Südhessen beispielsweise zählt nach wie vor die Regel, dass ein guter, spannender und hintergründiger Text auch länger sein darf. Aber nicht jeder lange Text erfüllt diese Anforderungen.
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