Das Jahr 1850 spielt bei diesem Prozess eine wichtige Rolle. Bis dahin wurde für den Buchdruck sogenanntes Hadernpapier verwendet: hergestellt aus alten Lumpen. Diese Bücher bereiten den Restauratoren kaum Probleme, von ausgerissenen Seiten und brüchigen Ecken mal abgesehen.
Doch ab 1850 wurde Papier aus Holzfeinschliff gewonnen. Damit fand neben guten Geschichten mehr oder weniger Säure ihren Weg in das Buch. „Besonders stark sieht man das an billigem Zeitungspapier oder auch an manchen Druckereiprodukten aus der ehemaligen DDR“, sagt Kamzelak. Innerhalb kürzester Zeit bekomme das Papier einen hässlichen Gelbton. „Licht beschleunigt diesen Prozess.“
Weltweit ist das Deutsche Literaturarchiv Marbach (DLA) eine der bedeutendsten Literaturinstitutionen weltweit. In seinen Sammlungen vereinigt und bewahrt es eine Fülle kostbarer Quellen der Literatur- und Geistesgeschichte. Es dient der Literatur, der Bildung und der Forschung. Erkenntnis aus originalen Quellen zu fördern und Freude an der Literatur zu wecken, sind seine Ziele.
Regional bildet das Deutsche Literaturarchiv einen Mittelpunkt des literarischen Lebens für seine nähere und weitere Umgebung.
National ist das DLA das wichtigste Zentrum zur Sammlung und Erschließung der deutschen Literatur seit der Aufklärung. International gehört es zu den angesehensten wissenschaftlichen Institutionen Deutschlands. Es arbeitet mit anderen Einrichtungen des kulturellen Gedächtnisses zusammen und ergänzt diese durch seine Schwerpunkte.
Um wertvolle Unterlagen und Bücher für die Zukunft zu archivieren, müssen Kamzelak und seine Mitarbeiter am DLA die wertvollen Archivalien der Institution in drei Schadensklassen einteilen. „Bei Stufe drei ist eigentlich nichts mehr zu machen“, erklärt er. Diese Bücher sind zu stark beschädigt, um sie zu reparieren.
Um den unaufhaltsamen Verfall wenigstens zu verlangsamen, werden sie bei optimalen Bedingungen in den Magazinen des Archivs untergebracht. Weniger stark angegriffene Bücher und Dokumente werden entsäuert. Das passiert nicht auf der Marbacher Schillerhöhe, sondern in einem eigens darauf spezialisierten Unternehmen. „Bis zu 800 Kilogramm Dokumente werden dort in einen Tank gepackt“, sagt Roland Kamzelak.
Dann werden die Bücher und Urkunden langsam geflutet und versinken schließlich ganz in einer Alkohollösung. Dort bleiben sie mehrere Stunden lang, bis sie wieder trocken gelegt werden. Die schädlichen Attacken der Säure auf das Papier werden dadurch neutralisiert. „Der Alterungsprozess zumindest verlangsamt“, sagt Kamzelak. Je besser das Papier sei, desto länger halte der Prozess letztlich vor.
Das hängt allerdings auch mit den Bedingungen zusammen, unter denen Bücher und Dokumente dann aufbewahrt werden. „Und die sind in unserem Archiv optimal an die Anforderungen des Papiers angepasst.“ In den Räumen unterhalb des riesigen Archivkomplexes auf der Marbacher Schillerhöhe werden die Druckprodukte bei 50 Prozent Luftfeuchtigkeit und 18 Grad Lufttemperatur gelagert.
Die Säure ist zwar ein großes Problem, aber bei weitem nicht das einzige, mit dem sich die Restauratoren befassen müssen. „Wir sind hier natürlich damit beschäftigt, Risse oder fehlende Ecken zu reparieren“, sagt Kamzelak.
Dabei kommt es auf Fingerspitzengefühl an. Zum Beispiel dann, wenn ein Blatt Papier gespaltet werden muss, weil die eisenhaltige Tinte zum Tintenfraß führt. Die in der Flüssigkeit enthaltene Säure greift das Gewebe an. Deshalb muss hauchfeine Japanpappe zwischen die beiden Papierhälften geklebt werden. Für die Papierrestauratoren eine kunstvolle Fingerübung, die sie beherrschen müssen.
Der Kampf gegen den Zahn der Zeit hört nicht auf. Bei jedem neuen Nachlass oder Ankauf sind die Restauratoren gefragt – damit wichtige Dokumente und Bücher auch in Zukunft noch gelesen werden können.
Mehr Infos gibt es auf www.dla-marbach.de.

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