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17. Juli 2010  | Johannes Büchl

Jahrestagung des ,,Netzwerkes Recherche"

,,Netzwerk Recherche" bespricht in Hamburg Wege aus der Gratiskultur und warnt vor falschen Fachleuten - Katholische Kirche als ,,Informationsblockierer 2010"

| Vergrößern | Kein Objekt der Begierde: Die Negativauszeichnung „Verschlossene Auster“. Foto: Johannes Büchl

Reisen mehrere hundert deutsche Journalistinnen und Journalisten an einen Ort, geht es um Ereignisse in der Größenordnung einer Bundespräsidentenwahl. Oder man trifft sich bei der Jahreskonferenz der Journalistenvereinigung ,,Netzwerk Recherche e. V.". 850 Teilnehmer folgten der Einladung ins NDR-Konferenzzentrum Hamburg.

Ihnen versprach der Vereinsvorsitzende Thomas Leif ,,eine Mischung aus Wundertüte und Handwerksmesse" und fasste damit die Vielfalt der Vorträge in ein treffendes Bild: Podiumsdiskussionen zur Aufarbeitung von Vergangenem und Meinungsaustausch für die Zukunft des Journalismus, Erzählrunden über Reportereinsätze in abgelegenen Gebieten und Milieus sowie Workshops zum zentralen Anliegen: fehlerfreie Recherche. Außerdem das Oberthema mit einer Reihe passender Panels, Titel diesmal: ,,Fakten für Fiktionen - wenn Experten die Wirklichkeit dran glauben lassen".

,,Das diesjährige Motto liegt mir schon lange auf der Seele", begründet Leif den Konferenztitel, ,,das Expertenversagen in der Wirtschaftskrise hat es nur nochmals katalysiert." Zudem habe die PR über die Experten das größte Einfallstor, konstatiert Leif. Als Effekt der Veranstaltung erhofft er sich, ,,dass die Themen weitergereicht und diskutiert werden". Schließlich seien führende Köpfe der Medienbranche sowohl Tagungsteilnehmer als auch Vereinsmitglieder.

Aufmerksamkeit garantiert alljährlich die Verleihung der ,,Verschlossenen Auster", dem Negativpreis der Netzwerker für schlechte Informationspolitik. Am Pranger steht dieses Jahr die Katholische Kirche und ihr Umgang mit dem Sexualmissbrauch. ,,Die Kirche respektiert den Anspruch der Öffentlichkeit auf frühzeitige und vollständige Information nicht und widerspricht damit ihren eigenen Werte-Postulaten nach Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit", heißt es in der Jury-Begründung.

Heribert Prantl, Leiter des Ressorts Innenpolitik bei der Süddeutschen Zeitung, sprach in seiner Rede von einer Krähenmoral in der Kirche, die widerlich sei. Ausgerechnet die Fachinstitution für Buße, Reue und Vergebung müsse von Medien und Opfern gezwungen werden, Stellung zu beziehen. Stellvertretend für die Katholische Kirche nahm Matthias Kopp, Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, den Preis entgegen. ,,Wir haben uns zulange schützend vor die Täter gestellt", gab er zu.

Hochkarätig besetzt sind zwei Podiumsdiskussion im größten Vortragssaal. ,,Das Elend des Lokaljournalismus" beleuchtet der eine, ,,Heilsbringer: Paid Content - Rettung für den Online-Journalismus?" fragt der andere.

Medienforscher Michael Haller gibt den Impuls für die Lokalrunde. Fatal sei das Imageproblem in der eigenen Zunft über die Berichterstattung vor der Haustür. ,,Die Geringschätzung sägt an dem Ast, auf dem die Zeitungen sitzen", konstatiert Haller. Dass jede Leserbefragung den Lokalteil zu einem der wichtigsten kürt, ist seit Jahren bekannt. Wer angesichts dessen weiter veranstalterzentriert berichte und sich nicht um neue Erzählformen bemühe, verliere ,,die Hoheit an die Schnellboote der Blogger".

Ulrich Reitz, Chefredakteur der WAZ, berichtet dann von den Maßnahmen seines Hauses, um diese Entwicklung zu verhindern. ,,Es gibt jetzt feste Vorgaben für Lokalredaktionen, etwa die Einrichtung von Leserparlamenten oder zu strittigen Themen einen Pro- und einen Kontra-Kommentar zu bringen." Und gebloggt wird selber.

Lutz Schumacher, Geschäftsführer des Nordkurier, verkündet die Devise: ,,Wenn Sparen, dann nicht im Lokalen." Also gab er den eigenen Mantelteil auf, dafür wurden 14 neue Stellen im Lokalen geschaffen. Diesem Denken stimmt Reitz zu: ,,Der Regionalteil ist individuell und unverwechselbar, Overall-Journalismus dagegen nicht mehr finanzierbar." Dass Lokalblogging populär, aber kein Ertragsmodell ist, berichtet Marcus Stölb. Dessen Blog im Gebiet des Trierischen Volksfreund generiert aktuell keinen Gewinn.

Die Finanzierungsfrage leitet über zur Debatte um Paid Content, auch wenn, moderiert von Maybrit Illner, die überregionalen Portale von Spiegel und Süddeutscher Zeitung verhandelt werden.

Hier verkündet Hans-Jürgen Jakobs, Chefredakteur von sueddeutsche.de: ,,Mit Nachrichten lässt sich kein Geld verdienen. Das Publikum erwartet eine Einordnung." Erstes Credo daher: Die Seite nicht mit einem Wust an Agenturmeldungen vollstellen. Genau das ersehnt Stefan Niggemeier, Betreiber des bekannten Bild-Blogs, wenn er auf Medienportale hofft, die sich ,,ihre eigene Leserschaft mit einem individuellen Konzept erarbeiten."

Selbst wenn alle Makel beseitigt wären, ist die Akzeptanz von Bezahlschranken höchst unsicher. Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo erteilt daher Micro-Payments auf Spiegel Online eine Absage. Markus Beckedahl, Gründer von netzpolitik.org, kann sich allenfalls vorstellen, für eine persönliche Auswahl aus verschiedenen Marken zu bezahlen.

Einzeltexte zu verkaufen ist wiederum nicht die Intention von Jakobs (,,bringt Klecker-Beiträge") und Mascolo, der darauf hinweist, dass im Gesamttitel Nischen- durch populäre Ressorts finanziert werden. Als iPad-App gibt es daher nur den ganzen Spiegel. Stefan Niggemeier fragt dazu: ,,Wenn es heißt ,Alles oder nichts' - wieviele entscheiden sich dann für das Nichts?"

Wohltuend frei von Krisenstimmung ist dagegen Matthias Eberls Vortrag über die Webreportage, eine Slideshow mit Audiospur. Dort entfällt der Bildzwang des Videos, wo ein Bericht über den Geheimausschuss Beispielbilder als Füllmasse benötigt. Das kann die Webreportage besser. ,,Das Foto als Bühne weckt die Vorstellungskraft", sagt Eberl. Erzählt der Reporter etwa von einem rosa Auto mit gelben Punkten, erscheint es zwangsläufig vor dem inneren Auge. Das Publikum erlebt mit - ein entscheidendes Kriterium für Reportagen. Kein Wunder also, dass Eberls Reportage ,,Außen Puff, innen die Hölle" den deutschen Reporterpreis 2009 gewann.

Die mit dem Reporterpreis prämierte Webreportage ,,Außen Puff, innen die Hölle" von Matthias Eberl steht im Nutz unter http://rufposten.de/daten/xcess/.


 
 
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