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26. Juli 2011  | Von Johannes Breckner

Gedächtnis für Töne und Bilder auf dem Prüfstand

Geschichte: Die ARD prüft, ob sie das Deutsche Rundfunkarchiv nicht auch billiger betreiben kann

 
| Vergrößern | Lesen, was die Menschen hörten: Radiozeitschriften aus dem DRA. Foto: DRA/Michael Friebel
FRANKFURT. 


Die Botschaft sollte frohgemut klingen. Aber Arbeitnehmer hören genau hin, wenn es um die Zukunft ihrer Stellen geht und dabei von einer „Optimierung“ die Rede ist oder gar von „Synergien“. Das Bekenntnis der ARD-Vorsitzenden Monika Piel zum Deutschen Rundfunkarchiv (DRA) wird bei dessen Beschäftigten also nicht unbedingt zur Beruhigung beigetragen haben. Sorgen um die Zukunft des „medialen Gedächtnisses“ seien unbegründet, sagte Piel nach der jüngsten ARD-Intendantentagung in Würzburg. Es sei nicht daran gedacht, die Bestände des Archivs aufzulösen oder seine Dienstleistungen „massiv“ einzuschränken. Entsprechende Medienberichte vermittelten ein falsches Bild. Gleichwohl bestätigte sie eine Untersuchung des DRA und seiner Kosten, die aber nicht die Abschaffung zum Ziel habe. Die ARD prüfe vielmehr, wie sie „durch Synergien das Leistungsniveau mit weniger finanziellem Aufwand künftig halten“ könne.

Den rund 120 Mitarbeitern des DRA wird aufgefallen sein, dass in der Mitteilung der ARD-Vorsitzenden die Standortfrage mit keinem Wort erwähnt wurde. Denn das Archiv teilt sich auf zwei Orte auf. 1994 wurden die Bestände des DDR-Rundfunks in Berlin-Adlershof angegliedert, seit dem Jahr 2000 residiert dieser Teil des DRA beim Rundfunk Berlin-Brandenburg in Potsdam-Babelsberg. Bei einer Zusammenlegung hätte, so fürchtet man in Frankfurt, dieser Standort die größeren Chancen. Dabei würde die Fusion allein gar keine großen Einsparungen bewirken. Bestände und Aufgaben der beiden Standorte sind deutlich voneinander abgegrenzt – Frankfurt hat umfangreiche Bestände zum Rundfunk der Weimarer Republik, der NS-Zeit und der Bundesrepublik Deutschland, besitzt eine große Sammlung historischer Tonträger und der entsprechenden Abspielgeräte – so gibt es noch 900 Edison-Folien, 950 Klavierrollen, 280 000 Vinyl-Platten und 330 000 CDs. Das Schriftgut nimmt fast tausend Regalmeter ein, fünfzig Regalmeter werden gefüllt von Tonbändern, die das Internationale Musikinstitut in Darmstadt bei seinen Ferienkursen aufgenommen hat.
Babelsberg hat die Archive des Deutschen Fernsehfunks und und der DDR-Radiosender übernommen – darunter rund 134 000 Videokassetten, 120 000 Filmdosen, 2,3 Millionen Foto-Negative und 450 000 Tonträger, hinzu kommt ein Archiv mit 36 000 Geräuschen.
Die Menge flößt Respekt ein, der Inhalt noch mehr: Das Rundfunkarchiv erschließt zentrale Quellen der deutschen Mediengeschichte und macht sie nutzbar – in erster Linie für weitere journalistische Arbeiten, für die Forschung und für Fernsehsendungen, wenn etwa der Mitteldeutsche Rundfunk eine alte Folge der Kultshow „Ein Kessel Buntes“ zeigen will.

| Vergrößern |
Historische Töne auf dem Weg ins digitale Zeitalter: Das Foto aus einem Studio des Deutschen Rundfunkarchivs in Frankfurt zeigt Tontechniker Mathias Helling mit einer Edison-Rolle. Foto: DRA/Michael Friebel
Zu den aktuellen Herausforderungen zählt nicht nur die Erschließung, die gewährleistet, dass die gesuchten Archivalien auch gefunden werden können. Eine große Rolle spielt die Digitalisierung, um das Material für die Zukunft zu sichern. Denn Tonträger haben keine unbegrenzte Lebensdauer; während alte Schellack-Platten heute noch manierliche Klangergebnisse bieten, ist manche CD der ersten Generation schon hinüber. Das jüngst erarbeitete Digitalisierungs- und Erschließungskonzept hat die Dokumente an beiden Standorten nach ihrer Dringlichkeit geordnet – Bestände, die besonders gefährdet sind, und solche, deren Verwendung im Programm nach den Erfahrungen bisheriger Nutzung wahrscheinlich ist, werden bevorzugt digitalisiert. Bis im Jahr 2020 soll das geschehen sein; insbesondere die Überführung des Babelsberger Videomaterials ins digitale Zeitalter gilt als besonders aufwendig.
Die Bestände altern nicht nur, weil das Material verfällt, sondern auch, weil der Zeitabstand wächst. Das Publikum, das sich etwa für alte DDR-Shows interessiert, schrumpft. Zudem spürt das DRA den ökonomischen Druck, der in vielen ARD-Anstalten inzwischen größer ist als das kulturhistorische Interesse. Vom alten Stolz der Sender auf diese Gemeinschaftseinrichtung ist nicht mehr viel zu spüren.
Das DRA ist als historisches Archiv konzipiert. Es pflegt die Altbestände, wächst beispielsweise durch Nachlässe. Für die aktuelle Archivierung hingegen haben die ARD-Anstalten jeweils eigene Einrichtungen. Die nutzen die Zuarbeit des DRA, beispielsweise bei der aufwendigen Erstellung einer Hörfunkdatenbank. Aber dass Aufgaben an die Gemeinschaftseinrichtung übertragen werden, ist eher selten – wer Arbeit abgibt, muss um Planstellen fürchten.
Zwölf Millionen Euro im Jahr lässt sich die ARD diese historisch bedeutsame Einrichtung kosten. Mit der Prüfung, ob es nicht auch billiger geht, ist eine Kommission beauftragt, der Vertreter aller Anstalten angehören. Das ARD-Jahrbuch, dessen Redaktion beim DRA angesiedelt ist, soll eingespart werden. Schriftliche Publikationen des DRA werden nur noch im Internet verbreitet, Ton-Editionen dürften rar werden, da das Archiv schon jetzt eine Sparvorgabe von 15 Prozent des Etats erfüllen soll. Das DRA selbst kann zu seiner Zukunft keine weitere Auskunft geben. Dass der Vorstand Hans-Gerhard Stülb im Herbst nach Auslaufen seines Vertrages das DRA verlässt, ohne dass der Verwaltungsrat über eine Nachfolge Auskunft gegeben hätte, wird die Zuversicht der Mitarbeiter nicht gerade gestärkt haben.

 
 
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