Surfen der Zeitung die Leser davon? Eine angesichts ständig sinkender Auflagen berechtigte Frage, die am Montagabend bei einer Veranstaltung des Presseclubs im Darmstadtium gestellt wurde. Eine endgültige Vision über die Zukunft der gedruckten Zeitung hatten weder ECHO-Chefredakteur Jörg Riebartsch noch der Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), Werner D'Inka parat.
Sie diskutierten mit dem Berliner Medienpädagogen Anton Austermann und dem Dortmunder Medienwissenschaftler Klaus Meier. Anlass der Veranstaltung war der fünfte Geburtstag des Darmstädter Presseclubs.Innerhalb von nur zehn Jahren verloren die deutschen Tageszeitungen etwa zwanzig Prozent ihrer Auflage. Der Negativtrend setzt sich weiter fort, wenngleich in seiner Heftigkeit etwas gebremst. Vor allem junge Menschen kehren den Tageszeitungen den Rücken und informieren sich lieber im Internet. Kostenlos natürlich. Haben heute noch knapp dreißig Prozent der jungen Menschen unter 30 Jahren eine Tageszeitung, sollen es in zehn Jahren weniger als zwanzig Prozent sein. Allerdings nutzen sie auch im Internet nur selten die Online-Ausgaben der Tageszeitungen, sondern sind meist in ihren Netzwerken wie Facebook oder Xing unterwegs. Und wenn sie sich über Nachrichten informieren, dann meist auf den Seiten bundesweit tätiger Medien.ECHO-Chefredakteur Jörg Riebartsch freut sich über ein gutes Jahr 2009, zumindest was die Leserzahlen betrifft. Die Zahl der Abo-Kündigungen lag nämlich unter denen von 2008. Ein kleiner Hoffnungsschimmer, der die Verlage dennoch fordere, mit anderen Produkten Geld zu verdienen und Nischen zu besetzen. Das ECHO habe dies mit dem ,,Kinder-ECHO" und dem ,,Wirtschafts-ECHO" bereits erfolgreich getan. Werner D'Inka verwies auf Auflagensteigerungen bei Wochentiteln wie der ,,Zeit" oder der ,,Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Er setzt auf unbedingtes Festhalten an der journalistischen Qualität und ist gegen staatliche Subventionen für Zeitungsverlage, denn nur eine finanziell unabhängige Zeitung sei auch eine publizistisch unabhängige Zeitung. Qualitätsjournalismus habe seinen Preis, weshalb eine Zeitung ihre Nachrichten nicht verschenken könne. Doch mit journalistischen Inhalten im Internet, darin waren sich Riebartsch und D'Inka einig, ist auf absehbare Zeit kein Geld zu verdienen. Dann schon eher mit Apps oder mit Angeboten für das neue iPad, die in den Zeitungshäusern ausgetestet werden.Womöglich gibt es künftig die Tageszeitung nicht mehr täglich, sondern nur noch zwei bis dreimal pro Woche in gedruckter Form. Denn der Trend zum sporadischen Lesen, so erklärte Werner D'Inka, sei deutlich erkennbar. Aber noch sei Zeitunglesen eine Gewohnheit wie Kaffeetrinken oder Frühstücken, so der FAZ-Mitherausgeber. Zudem sei Zeitung das mobilste Medium.Die CDU-Landtagsabgeordnete Karin Wolff verwies darauf, die Tageszeitung sei noch immer das glaubwürdigste Medium überhaupt. Ex-Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) widersprach Jörg Riebartsch bei dessen Ansicht, die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten hätten die Gebühren eigentlich nicht verdient, weil sie schon längst keine politische Grundversorgung mehr leisteten. Die ehemalige hessische Wissenschaftsministerin und Darmstädter Stadtverordnete Ruth Wagner (FDP) sprach sich dafür aus, die Qualität der Tageszeitungen zu verteidigen.D'Inka mahnte, im Internet gäbe es vieles, was wie Journalismus aussehe, aber kein Journalismus sei. Die professionellen Sicherungsmechanismen, die bei der Überprüfung von Nachrichten in Zeitungsredaktionen greifen, seien dort oft außer Kraft gesetzt. ,,Journalismus ist mehr, als einfach nur etwas zu veröffentlichen", so sein Fazit.
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