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27. Juli 2011  | Von Stefan Benz

Serie "Darmstadt und danach": Die Choreographin Birgitta Trommler

Porträt: Unterwegs zwischen China und New York: Birgitta Trommler hat acht Jahre das Darmstädter Tanztheater geleitet

| Vergrößern | Zwischenstopp in Frankfurt: Auf Durchreise von Essen nach München traf sich Birgitta Trommler zum ECHO-Gespräch. Foto: Stefan Benz
DARMSTADT/FRANKFURT. 


Das ECHO fragt nach bei Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur, die in der Region ihre Spuren hinterlassen haben – was aus ihnen geworden ist und wie sie ihre Zeit in Darmstadt und Südhessen in Erinnerung haben.


Als Birgitta Trommler (67) ging, war sie fertig mit der Stadt und der Bühne. „Reformunfähig wie das ganze Land“ seien die Staats- und Stadttheater. Das war ihr Nachruf auf das System, in dem sie sich 15 Jahre eigensinnig und sperrig eingerichtet hatte. Acht Jahre leitete Trommler das Darmstädter Tanztheater. Es war keine Liebesgeschichte mit dem Publikum, aber es hat Eindruck hinterlassen, Respekt für eine bisweilen schmerzhafte Beharrlichkeit im Umgang mit Themen und Formen. Gern unbequem, kaum vergnüglich, stets dringlich, nie gefällig.

Heute sagt Birgitta Trommler: „Es war ein guter Abschluss.“ Die Choreografin war schließlich nicht nur fertig mit dem Staatstheater, sie ist auch fertig mit dem Tanztheater. „Ich fühle mich wohl, dass ich damit abgeschlossen habe. Ich habe an mir selbst gemerkt, die Themen gingen mir aus“, sagt die Frau mit dem blonden Wuschelkopf und den blitzwachen Augen, die sich seit ihrem Abgang aus dem Theater vor sieben Jahren äußerlich kaum verändert hat. „Was mich engagiert hat, war, dass man Sachen zur Sprache brachte, die kontrovers waren, was einen auch im Innersten angemacht hat. Es war für die Darsteller dasselbe: Wie finde ich eine gemeinsame Sprache des bürgerlichen Protestes?“ So waren ihre Stücke oft emanzipatorisch, behandelten nicht selten Frauenthemen, wühlten sich ihre Choreografien über Improvisationen regelrecht ein in die Stoffe, angetrieben von einem gesellschaftspolitischen Geist aus den Siebzigern.
Es ist eine Haltung, die sich nun erschöpft hat, sagt Trommler selbst: „Was soll ich bitteschön über die Finanzkrise machen? Über die Betroffenen haben wir schon alles abgearbeitet, über die Zukurzgekommenen, die Arbeitslosen, die Familien. Diesem Tanztheater fehlen die Themen. Es ist ja eigentlich alles gesagt“, was nicht heißt, dass Birgitta Trommler nichts mehr zu sagen hätte.
Denn das, was die nach wie vor zwischen München und New York pendelnde Choreografin in Darmstadt nie hat heimisch werden lassen, treibt sie auch heute noch: eine unruhige Neugier, die den Darmstädtern für einige Jahre Tore geöffnet hat. Wenn Trommler nicht gerade in die Theaterwelt gereist ist, dann hat sie die Theaterwelt zu sich geholt, zu Festivals wie „Serious Fun“ und „Cutting Edge“ mit Gästen wie Phil Glass, Laurie Anderson, Achim Freyer und Pavel Mikulastik. Als Theater-Türöffnerin hat sich Birgitta Trommler in Darmstadt vielleicht die größten Verdienste erworben.
Der Zwang, einen Spielplan füllen zu müssen, ist fort, die große Unrast ist für die Frau, die Routinen so sehr hasst, geblieben. Was dazu geführt hat, dass Birgitta Trommler zwar einige Projekte angefangen, aber bislang nur wenige vollendet hat. Den Darmstädter Djuna-Barnes-Abend „What of the night“ hat sie 2005 mit Jane Alexander auch in New York herausgebracht. Das Porträt der Autorin zwischen verstaubter Extravaganz und tatteriger Schrulligkeit war über 45 Vorstellungen offenbar ein erfolgreiches Missverständnis zwischen europäischer Avantgarde und amerikanischem Entertainment. „In den USA werden die Schauspieler nervös, wenn die Zuschauer nicht lachen“, hat Trommler gemerkt. Und weil es bei Trommler nicht viel zu lachen gibt, hat Hauptdarstellerin Jane Alexander auf die Tube gedrückt. „Dann machen die eben Boulevardtheater“, seufzt die Choreografin. „Da prallten zwei Welten aufeinander.“ Das war’s dann mit Trommler und dem Theater.
Einen Spielfilm über eine Gruppe von Senioren, die in Arizona tanzen und choreografieren, wollte sie drehen, doch eine befreundete Produzentin riet ab: „Vergiss es, so ein Independent-Projekt lässt sich in den USA nicht finanzieren, verleg’ das doch nach Berlin.“ Nun hat Trommler vor ihrer Stadttheater-Zeit zwar schon Filme gedreht, doch die Autorenarbeit ist nicht ihr Ding. „Dieses Umschreiben fällt mir wahnsinnig schwer. Vor mir liegen diese leeren Seiten. Ein Viertel hab ich schon voll.“
Nicht dass es sie verdrießen würde. Dann arbeitet Birgitta Trommler eben choreografisch dem Film zu. Prominentestes Beispiel: Mit Schauspielerin Karoline Herfurth hat sie ein großes Solo erarbeitet für das Finale des Familiendramas „Im Winter ein Jahr“ (2008), des jüngsten Films von Oscar-Preisträgerin Caroline Link.
Ansonsten ist Birgitta Trommler viel unterwegs. Zum ECHO-Gespräch treffen wir sie auf dem Weg von Essen nach München im Bahn-Restaurant am Frankfurter Hauptbahnhof. Eineinhalb Jahre habe sie an einem Projekt zur Erneuerung der China-Oper mitgewirkt, das sich kulturpolitisch zerschlug. Trommler hatte sogar schon begonnen, Mandarin zu lernen. Ein Projekt in Istanbul scheiterte an den Kosten.
Das kostet Brigitta Trommler nicht mal ein Schulterzucken. „Je älter man wird, desto weniger Kompromisse muss man eingehen.“ Eine Einladung ihrer einstigen Darmstädter Tänzerin Amelia Poveda könnte sie 2012 zu einer Choreografie nach Ecuador bringen. Andere Weggefährten aus ihrer Theaterzeit sind mittlerweile in Argentinien oder Australien. „Wir waren eine tolle Gruppe für Rastlose“, schwärmt Trommler. Das Theater mag vorbei sein, doch die Reise geht weiter.


Zur Person:
Birgitta Trommler (Jahrgang 1944) lebt in München mit ihrem Mann, dem Filmproduzenten Gustav Ehmck (verfilmte den „Räuber Hotzenplotz“ mit Gert Fröbe). Regelmäßig ist sie aber auch in New York, wo sie ein Appartement hat. Nach einem Sport- und Psychologiestudium erhielt Trommler ein Tanzstipendium in New York und kehrte erst zehn Jahre später nach Deutschland zurück. In München gründete sie 1975 in der freien Szene das Tanzprojekt München. Von 1989 bis 1996 leitete sie die Tanzsparte am Stadttheater Münster, danach führte sie bis 2004 das Darmstädter Tanztheater. Intendant Gerd-Theo Umberg räumte ihr große künstlerische Freiheiten ein, die Compagnie wirkte wie eine freie Gruppe im Staatstheater, initiierte Festivals. „Es waren super Bedingungen, die Umberg zugelassen hat. Er wollte einen Diskussionsfaktor, wir waren ein Störfaktor“, sagt Trommler heute. „Ich weiß gar nicht, ob Umberg das gefallen hat. Aber wir haben damit gut gelebt.“ Weniger gut waren die Besucherzahlen, rund 250 Zuschauer im Schnitt pro Abend. Zu Trommlers bemerkenswertesten Arbeiten in Darmstadt gehören die Choreografien „Teorema“ nach Pasolini, „The Photographer“ und „Gegenwart, ich brauche Gegenwart“ über Ingeborg Bachmann.

 
 
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