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24. Mai 2011  | Von Stefan Benz

Haltung als Vermächtnis

Maifestspiele: Auf Abschiedstournee: Merce Cunninghams Tänzer zeigen sein letztes Stück „Nearly 90“ im Wiesbadener Staatstheater – Ende des Jahres löst sich die Truppe auf

WIESBADEN. 

Termine

Cunningham in Wiesbaden: Heute (Dienstag) gibt es um 19 Uhr im Museum Wiesbaden einen Vortrag und ein Gespräch über den Choreografen, am Sonntag (29.) läuft um 11 Uhr im Caligari-Kino der Film „Cage/Cunningham“, und das Museum Wiesbaden zeigt noch bis 12. Juni Zeichnungen und Videos des Choreografen. Internet: www.merce.org




Fast 90 war Merce Cunningham (1919–2009), als er seine letzte Choreografie schuf. Fast neunzig Minuten ohne Pause dauert die Choreografie „Nearly 90“. Seine 1953 gegründete Truppe ist noch bis Ende des Jahres mit diversen Werken des amerikanischen Großmeisters international auf „Legacy“-Tour – am vergangenen Wochenende auch mit zwei Auftritten bei den Wiesbadener Maifestspielen. Das Vermächtnis, das die Tour im Titel führt, könnte im Falle von „Nearly 90“ eine tänzerische Selbstverpflichtung sein: Haltung bewahren!

Die 13 Tänzer agieren immer wieder wie in Zeitlupe, mehr neben- als miteinander. Stereotyp sind die Tanzgesten, gymnastisch bis zur lebenden Skulptur die Formationen. Es geht um Balance, nicht um Dynamik. „Nearly 90“ zeigt denn auch keine große Sprünge, sondern Trippelschritte und eher unbeholfene Hüpfer, aber dabei machen sie mit dem Oberkörper anmutige Gesten. Der Schauwert dieser Aktionen ist denn auch bescheiden, und wie so oft bei Cunningham liegt die Musik unverbunden darüber.
Gerade aber im Sound gründet die Sensation dieser Tourneefassung der ursprünglichen Show: Die Komponisten Takehisa Kosugi und Led-Zeppelin-Bassist John Paul Jones lassen es zunächst sphärisch wabern und rauschen, schicken dann Geräusche auf Raumklangwanderung durchs Theater. Da verstecken sich Töne im ersten Rang rechts, brummeln Bässe im akustischen Rundlauf durchs Parkett. Die Musik wirkt deutlich mobiler als der Tanz, der – oft vor hellem Hintergrund – die Körper flächig ausstellt. Der Klang aber durchwirkt die dritte Dimension.
Auf dem Höhepunkt schwillt er sirrend an, jault wie bei einem Stuka-Angriff, brodelt apokalyptisch. Und dazwischen rumst es immer mal wieder, wenn Zuschauer türenschlagend gehen. So zermürbend mögen Zahn- und Kopfschmerzen klingen. Ist das die Kakophonie des Alters? Knarzt, pfeift, brüllt hier der greise Leib? Cunningham, der im Alter unter Arthritis litt, erzählt keine Geschichten, psychologisiert nicht, aber angesichts des Titels drängt sich die Assoziation auf, dass sich hier das Gebrechen Gehör verschafft, während der Körper scheinbar unbeeindruckt exerziert, bis die Choreografie ohne klaren Schlusspunkt ins Blackout ausläuft.
Das ist sehr kühl in seiner Konsequenz, weniger faszinieren als respektgebietend. Und für manche Zuschauer, die die Flucht ergreifen, immer noch eine Zumutung. „Dass wir unsere Anstößigkeit nicht verloren haben, zeigt uns, dass wir noch lebendig sind“, hat Cunningham einst gesagt. Und das gilt bis zur Auflösung seiner Company auch postum. „Nearly 90“ beweist: Cunningham lebt.

 
 
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