BERLIN/FRANKFURT.
Tournee
Vom 2. bis 14. August tritt das Alvin Ailey American Dance Theater in der Kölner Philharmonie auf, vom 16. bis 21. August in der Alten Oper Frankfurt. Karten: 01805 2001. Internet: www.alvinailey.org
Es war ein tänzerisches Erweckungserlebnis, heute ist es eine Verpflichtung. Eine Tournee des Alvin Ailey American Dance Theater, oft verehrungsvoll „The Ailey“ genannt, ohne den Klassiker des Meisters, das geht nicht. Das hymnische Stück „Revelations“ (Offenbarungen) muss sein. Und so steht bei der aktuellen Gastspielreise, die Mitte August auch nach Frankfurt führt, jeden Abend das Heiligtum des afroamerikanischen Modern Dance auf dem Programm.
Gründer Alvin Ailey (1931–1989) ist mit diesem Gospel-Fest voll tänzerischer Andacht und spiritueller Anmut ins Pantheon des amerikanischen Balletts aufgenommen worden. Und Aileys Erben holen das Museumstück immer wieder mit Begeisterung aus der Vitrine: Hände recken sich zum Himmel, der Tanz wird zum Baumwollplantagengottesdienst, zur baptistischen Feier der Frömmigkeit in Schönheit. Schwarze Bluesbrüder und -schwestern als strahlend-schöne Verkörperung des Glaubens in einer Welt, die hässlich ist vom Rassismus.
Das war vor über 50 Jahren wohl tatsächlich eine Offenbarung. Heute ist es vor allem Folklore. Man sieht es, denkt an „Porgy und Bess“. Und staunt gleichzeitig, wie selbstverständlich dabei nicht nur Farbige mitwirken, wie frisch der alte Ailey geblieben ist, wie tief die Tänzer das Werk durchdringen. Und dies auch noch in jenem Moment, als die zweite Generation zurück-, die dritte vortritt, Judith Jamison nach über 20 Jahren die Leitung an Nachfolger Robert Battle übergibt.
Es ist mehr als ein Generationenwechsel. Sie hat bei Ailey getanzt, hat mit der Familie an seinem Sterbebett gewacht, er kam auf die Welt, da war Martin Luther King schon längst tot, hat seine Ausbildung am New Yorker Juilliard-Konservatorium gemacht, war der Ailey-Company bislang nur durch einige Gast-Choreografien verbunden. „Warum sollten die mich auswählen“, fragt der Mann mit dem gewinnenden Lächeln und der geschmeidigen Rhetorik beim Pressegespräch in Berlin. „Ich habe nicht mit denen gearbeitet, aber ich habe einen Überblick, und ich fühlte mich der Company stets geistig verbunden.“ Dieser Blick von außen, gepaart mit innerem Einvernehmen, soll nun eine behutsame Erneuerung einleiten.
Seit zwei Wochen ist Battle der Boss und schon auf Tour. Er weiß, wie sehr Tradition verpflichtet. Also erst mal: Revelation statt Revolution. „Es gibt Leute, die kommen nur, um die Klassiker zu sehen. Es ist ein schmaler Grat, auf dem wir die Tradition bewahren müssen“, sagt der Chefchoreograf, der am Morgen nach dem Deutschland-Tourauftakt so viel sanfter wirkt als der wuchtige Alvin Ailey in alten Filmen. „Ich weiß noch nicht, was ich ändern werde, sonst wäre ich auch nicht der richtige Mann. Ich habe einen anderen Geschmack“, sagt er und erweist sogleich dem seligen Meister Respekt: „Bei Revelations kommen auch Leute befreit raus, die gewiss keine Kirchgänger sind. Das ist ein kathartischer Moment. Ich wollte, ich hätte es choreografiert.“
Wofür der Mann der dritten Generation steht, das zeigt das Tour-Repertoire mit älteren Werkproben: Da ist das kurze Solo „Takademe“ (1999), bei dem indischer Gesang, der an Skat erinnert, die Bewegungen eines Tanzclowns antreibt. „Hunt“ (2001) zeigt sechs Herren im Rock, die zur martialischen Blechfasspercussion der „Tambours du Bronx“ wie in einem testosterongetriebenen Stammestanz die Jagd beschwören. In beiden Stücken ist die Musik vom Band so markant und massiv, dass sich der Tanz dagegen nur schwer behaupten kann. Brüche, Widersprüche zwischen Sound und Move sind ohnehin nicht beabsichtigt. Die Amerikaner bieten ein niedrigschwelliges Angebot für Tanzeinsteiger, den gefälligen Weg zum Enthusiasmus.
Robert Battle weiß, dass da mancher die Nase rümpft: „Unsere Tänzer bieten Zugänglichkeit, sie beziehen das Publikum theatralisch ein. Zugänglichkeit ist in der Postmoderne ein schmutziges Wort geworden. Ich tue nicht so, als wäre das Publikum nicht da. Wir haben keine Angst davor, wenn die Zuschauer jauchzen.“ Warum auch nicht? Schließlich kann sich „The Ailey“ auch für die stupende Athletik seiner Truppe feiern lassen. Da stehen Tänzer, die aussehen wie Zehnkämpfer und mit der Leichtigkeit von Schmetterlingen agieren. In den faszinierendsten Momenten ist das eine Flugschau. Sie springen ab, und bevor sie geschmeidig aufsetzen, scheinen sie für einen Sekundenbruchteil die Gravitation überwunden zu haben. Diese kraftvolle Schwerelosigkeit ist allemal staunenswert. Athletisch sind das alles Überflieger, ästhetisch ducken sie sich in diesem Ausschnitt ihrer Arbeit vor der Zukunft weg.
So groß das Potenzial der Ailey-Company, so mächtig ist seine Vergangenheit. Das ist es, was das Tourprogramm zeigt: einen Querschnitt durch die neuere Geschichte, den das Eröffnungsstück „Love Stories“ mustergültig markiert, das Judith Jamison 2004 zusammen mit Battle und Rennie Harris zu Songs von Stevie Wonder gestaltet hat. Eine Tanztruppe trifft sich im Übungssaal vor einem imaginären Spiegel, den man sich dort vorstellen muss, wo die Rampe ist. Man darf das sinnbildlich nehmen: Wir spiegeln uns in Euch! Im Zuschauerraum wird die Geschichte der Truppe reflektiert, die mit Jazz und Swing der Sechziger Lebensfreude voll Power zeigt, beim Hip-Hop den spaßsportlichen Wettbewerb der Tänzer sucht.
„Wir befinden uns in einem Zusammenhang“, wird Robert Battle am Morgen nach der Tour-Premiere sagen. „Das ist in den Sechzigern passiert, das ist in Afrika passiert, ich hab’s nicht gerade im Wohnzimmer erfunden.“ Wo die Zukunft der Company liegt, das zeigt Robert Battle bei diesem Europabesuch nicht. Ein Stück über Aids ist im Gespräch, eine Annäherung an das Tanztheater von Pina Bausch kann er sich vorstellen. Gewiss aber ist, dass bei aller Öffnung „The Ailey“ seinen Grundcharakter als afroamerikanische Company behält. Gegründet zu Zeiten der Rassentrennung, soll Schwarz auch morgen noch die vorherrschende Farbe auf der Bühne bleiben. „Das war ein historischer Meilenstein“, sagt Robert Battle. „Es ist wichtig, dass wir diesen Grundcharakter behalten.“

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