Mit einer Sternstunde des klassisch-romantischen Balletts verzauberte das Mariinsky-Theater das Publikum im Darmstädter Staatstheater. Insbesondere die beiden Tanzstars des wunderbaren Ensembles, Viktoria Tereshkina (in der Doppelrolle der Odette/Odile) und Yevgeny Ivanchenko (Prinz Siegfried) wurden am Ende des Ballettklassikers „Schwanensee“ mit Ovationen verabschiedet. Nicht wenige der kleinen und großen Zuschauer waren von der souveränen Interpretation, der Innigkeit und der Tanzperfektion von Ensemble und Solisten zu Tränen gerührt.
Ohnehin ist im „Schwanensee“-Ballett viel Platz für Gefühle. In der kostbaren Antiquität, an deren Choreografie viele der Schwanen-Bilder von Lew Iwanow stammen, hat der Choreograf Marius Petipa seinen Ballerinenkult auf die Spitze getrieben: Die weiße Schwanenkönigin Odette und die schwarze Odile, die auf Geheiß des bösen Zauberers Rotbart dem verliebten Prinzen bei dessen Geburtstagsfest am königlichen Hof den Kopf verdreht, verkörpern das Idealbild der tanzenden Frau als einem abgehoben schwebenden Traumwesen, das seinen nach jahrelangem, in hartem Training geformten Körper einem strengen Reglement unterwirft. Nur so lassen sich die Leichtigkeit und jenes Schweben erzeugen, die auch Markenzeichen des Mariinsky-Balletts sind, mit dem Petipa seinerzeit thematisch der Treue ein Denkmal setzte.
Die weiteren Mariinsky-Vorstellungen in Darmstadt heute („Dornröschen“) und morgen (Ballett-Gala) sind ausverkauft.
Aufgeboten wird von den Petersburger Gästen vor allem Brillanz und eine Tanzperfektion, die den Saal entzückt. Corps, Halbsolisten und Solisten (Konstantin Zverev ist ein geradezu graziler Zauberer, Vasily Tkachenko ein elastischer Hofnarr) gelingt es im Nu, in dieser dreistündigen und von zwei Pausen unterbrochenen Inszenierung (Konstantin Sergeyev schuf die am Original orientierte Choreografie) den Funken überspringen zu lassen und das Publikum in Bann zu ziehen. Alles ist hier perfekt. Das Orchester unter Alexei Repnikov spielt großartig bis in die kleinsten Klangnuancen und trägt die tanzenden Akteure über die Schauplätze, die Waldlichtung, das Schloss und an den Schwanensee, über den und dessen verzauberte Schwanenmädchen der böse Zauberer herrscht. Dessen Ende ist programmiert: Prinz Siegfried, als er den bösen Verwechslungscoup Rotbarts erkennt, entreißt ihm einen Flügel, sodass Rotbart stirbt. Das Böse geht unter und die Liebe siegt.
Immerhin hat es der Ballettwelt nicht nur eine Fülle wunderschöner Tanzmärchen, sondern hat das Mariinsky-Ballett auch seinerzeit mit Anna Pawlowa eine Ausnahmetänzerin, deren berühmte Trauer- und Ergebenheitspose als „Sterbender Schwan“ um die Welt ging. Die Choreografie des heutigen Ensembles ist ganz auf die Harmonie der Linie angelegt, und selbst die Höchstschwierigkeiten wie Pirouetten, Arabesken und meterhohe Sprünge und Jetés bewältigt dieses Ensemble makellos und bravourös. Märchenzauber und Poesie markieren das „Schwanensee“-Ballett, das für viele Fans mit dem Begriff des klassisch-romantischen Balletts gleichzusetzen ist.

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