Das versöhnliche Ende findet Regisseurin Mei Hong Lin, die die neue Produktion verantwortet, auch heute noch korrekt. Der mythische Sänger geht schließlich durch Hölle und Himmel, um seine früh verstorbene Liebste wiederzugewinnen, er betört mit seinem Spiel und Sang miese Monstren und selige Geister. „So was muss auch mit einem Happy End belohnt werden, das finde ich sonst nicht okay“, erklärte die gut gelaunte Tanztheater-Chefin bei einer Offenen Probe im Theater.
Bei der Gelegenheit sah man, was Komponist Christoph Willibald Gluck sonst noch anders machte als viele seiner Zeitgenossen. Zu seiner „Reformoper“, 1762 in Wien uraufgeführt, gehören neben einer deutlich entschlackten Führung der Orchester- und Gesangsstimmen – allzu artistische Verzierungen waren ihm ein Graus – auch zahlreiche Tanzeinlagen. Ob Trauergemeinde, Hades-Wesen oder Bewohner des Elysiums: Alle bekommen reichlich Gelegenheit, sich tänzerisch zu bewegen. So hat Mei Hong Lin die Gluck-Oper genutzt, um eine weitere spartenübergreifende Produktion in Darmstadt anzuzetteln. „Orpheus und Eurydike“ steht da in einer Reihe mit „Carmen“ und „Jesus Christ Superstar“.
„Orpheus und Eurydike“ (Fassung in italienischer Sprache) hat am Samstag (28.) Premiere am Staatstheater Darmstadt, Beginn: 19.30 Uhr, Dauer: etwa zwei Stunden. Restkarten sind noch zu haben. Weitere Vorstellungen unter anderem am 2., 14. und 17. Februar.
Für Gluck war das Ganze ohnedies keine reine Oper, sondern „Azione teatrale per musica“. Action gibt es in der Tat reichlich. Mei Hong Lin findet „wahnsinnig schöne, große Freiräume für einen Choreografen“ im Werk und nutzt sie in sehr differenzierter Form. In zeitlupenartigen großen Gesten begleiten die Tänzer den einleitenden Klagegesang des Orpheus; in ekstatischen Figuren umtanzen sie ihn später als Dämonen, die dem Sänger den Einlass in die Unterwelt verwehren wollen. Dabei übernehmen die Tänzer auch sängerische Aufgaben, und der Chor kommt hübsch in Bewegung.
Und Eurydike? Die greift handlungsbedingt ja eher spät ins Geschehen ein. Aber nicht in Darmstadt: Die in die Unterwelt Entschwundene geistert als Vision und Fixpunkt des Helden schon in den ersten Akten auf der Bühne herum, gut sichtbar, wenngleich im Hintergrund. „Wir wollten keine Edel-Komparsin“, hieß es in der Probe. Das wäre auch stark untertrieben. Gesanglich steht der Part den beiden anderen Hauptrollen – Gott Amor und eben Orpheus – in nichts nach. Auf die drei Sängerinnen (auch Orpheus wird von einer Frau gemimt, weil von Gluck in Kastraten-Tonlage notiert) darf sich das Premieren-Publikum jedenfalls gleichermaßen freuen. Bei der Probe wirkten Erica Brookhyser (Orpheus), Susanne Serfling (Eurydike) und Aki Hashimoto (Amor) allesamt gut aufgelegt. Mei Hong Lins Tänzer ebenfalls. Nur das Orchester (geleitet von Martin Lukas Meister) war noch nicht zu hören, aber auf das ist ja ohnedies Verlass.

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