Im realen Leben heißt sie Viktoria Kinzikeeva und ist Mitglied des Russischen Nationalballetts, doch auf der Bühne ist sie Odette, der weiße Schwan. Obwohl sie die anderen Schwanentänzerinnen nicht an Körpergröße überragt, wirken ihre Beine unerhört länger und vor allem graziler. Im berühmten Pas de deux im zweiten Akt von Tschaikowskys Ballett „Schwanensee“ zusammen mit Prinz Siegfried (Adel Kinzikeev) wird ihre Tanzkunst offenbar.
Genauso sensibel und lyrisch, wie sie ihre Arme bewegt, kontrolliert sie die Bewegung ihrer Beine. Ihre Attituden – das sind Posen auf einem Bein, bei denen das Spielbein gebeugt ist – sehen regelrecht rund aus. Das ist keine Anmut mehr, es ist Zauberei, als flösse ein magisches Fluidum durch ihre Adern, dass sie erhaben machte über Gesetze der Anatomie und der Schwerkraft.
Dann wieder taucht sie als schwarzer Schwan Odile im dritten Akt bei Hofe auf: Diesmal gibt Kinzikeeva die Tochter des bösen Zauberers (Dimitry Rukhlov), die Prinz Siegfried täuschen und dazu bringen soll, seinen Liebesschwur an Odette zu verraten. Die Perfektion beim Tanz ist die gleiche, doch der Ausdruck ist ein völlig anderer, als hätte Kinzikeeva ihre Seele ausgetauscht. Odile kokett, nicht elegisch, verführerisch, nicht verträumt. Und nicht nur Prinz Siegfried, das gesamte Publikum im ausverkauften Darmstadtium geht Odile auf den Leim.
Noch einmal kurz die Geschichte: Prinz Siegfried ist 21 Jahre alt geworden und soll sich bei einem Ball eine Braut aussuchen. Nachts entdeckt er jedoch den Schwanensee mit der verzauberten Odette, deren Bann nur der Treueschwur eines Mannes brechen kann. Siegfried schwört, doch der Zauberer besucht mit seiner Tochter Odile den Geburtstagsball. Als Odette verkleidet, bringt Odile Siegfried dazu seinen Schwur zu erneuern, wodurch er Odette verrät.
Die Choreografie umfasst legendäre Tänze wie den der vier kleinen Schwäne, die Hand in Hand einen Spitzentanz in Reihe tanzen oder die Tänze der Bräute aus Ungarn, Polen, Russland und Neapel. Sie sind Höhepunkte der Inszenierung wie auch die Sprungkraft von Khasan Usmanov, der als Hofnarr die Stimmung im Publikum anheizt.
Die Stärke des Russischen Nationalballetts, dessen künstlerischer Direktor Sergei Radchenko ist, liegt in der besondere Musikalität aller Tänzer, die ein Gefühl von Synchronizität jenseits der technischen Präzision erzeugt. Dazu kommt eine Intensität der schauspielerischen Darstellung, die einen teilweise an die Oper erinnert.
Das ist Tanz, der einen vergessen lässt, dass Körper tanzen. Es ist ein Tanz, der diese Körper am Neujahrstag vor aller Augen auf der Bühne erstehen lässt.
Als ob etwas Magisches durch ihre Adern fließt
Ballett – Russisches Staatsballett verzaubert im Darmstadtium mit „Schwanensee“
DARMSTADT.
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