Eine gute Geschichte hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende, die wie ein Bogen ihre Erzähldauer überspannt. Insofern ist der neue Abend „Tears on Scriptease“ von Pascal Touzeau, dem Ballettdirektor am Staatstheater Mainz, eine gute Geschichte. Doch er erzählt sie seinem Publikum nicht im Vorübergehen. Gleich seine erste Choreografie wirft mehr Fragen auf, als sie beantworten will.
In „Script“ legen Cristina Ayllón Panavera und Denislav Kanev einen fulminanten Paartanz hin, der sich der Bezeichnung „Pas de deux“ konsequent entzieht. An die Wand projiziert Touzeau Zitate, die an Freuds Traumdeutung gemahnen, wie „Jeder Traum ist Wunscherfüllung und Hüter des Schlafs, um die Impulse des Es zu kontrollieren“. Was hat das mit dieser Choreografie zu tun, fragt man sich. Geht es um den Traum, das Es oder die Kontrolle?
Das zweite Stück „Soldaten“ vom Jungchoreografen Davy Brun ist das aufregendste Stück des Abends. Die acht Tänzer tragen dunkelgraue Rockschöße mit roten Besätzen, treten zunächst als homogene Gruppe auf. Nach und nach löst sich diese in kleine, furiose Kampfszenen auf. Ganz zum Schluss streifen Mariya Bushuyeva und Jordi Martin ihre Kostüme ab und tanzen restbekleidet, als seien zwei Ringer von einer antiken Terracotta-Vase zum Leben erwacht. Das ist die Ästhetik des Kampfsports, heruntergebrochen auf das Wesentliche, Drill und Bewegung. Schade nur, dass Touzeaus Ensemble, alles ganz ausgezeichnete Solisten, eins nicht mehr können: als Corps auftreten. Das Gefühl, sie bewegten sich wie die Vögel eines einzigen Schwarms, können sie nicht herstellen, wodurch die Choreografie verliert.
„Ex Nihilo“ von Jacopo Godani ist ein großartiges Stück zeitgenössischen Tanzes, in dem besonders das Duo Anne Jung und Antonin Comestaz brilliert. Die hochgewachsene Jung bewegt sich so agil wie konzentriert, dass selbst bei den schnellsten Bewegungen nicht das Gefühl von Eile aufkommt, sondern das unendlicher Elastizität. Comestaz steht ihr in kaum etwas nach und gemeinsam verschlagen die beiden dem Publikum den Atem.
Mit „Tears“ setzt Touzeau einen Schlusspunkt, der dann den Bogen des Abends spannt. Zu rohen Ambient-Klängen lässt er Mariya Bushuyeva im knappen roten Kostüm gegen einen herausragenden Ross Martinson und Raphael Saada in Blau antreten. Sie sind durch Farbe und Form der Kostüme als Männer und Frau ausgewiesen. Das Gegenteam in grauen Anzügen kommt androgyn daher. In dem spannungsgeladenen Stück beantwortet Touzeau die Fragen aus „Script“: Es geht um Traum, Es und Kontrolle zugleich. Zusammen bilden sie die Grenze zwischen gesellschaftlichen Zuschreibungen wie Sexualität oder männlich/weiblich und der Freiheit individuellen Ausdrucks, das sich aus einem entgrenzten unbewussten Chaos speist. Diese Grenze immer wieder aufs Neue auszuloten, darum geht es Touzeau.
Informationen über Aufführungstermine und Tickets unter www.staatstheater-mainz.de.
„Tears on Scriptease“: Einmal Kontrollverlust und wieder zurück
Tanz: Zur Grenze des Chaos
MAINZ.
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