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07. November 2011  | Von Stefan Benz

„Romeo und Julia“: Blick zurück in altem Zorn

Tanztheater: Sieben auf einen Streich: Mei Hong Lin zeigt in Darmstadt „Romeo und Julia“ als Todestanz für Liebende

| Vergrößern | Ihre Feindschaft türmt sich auf den Gräbern ihrer Kinder noch einmal auf: Das Darmstädter Tanztheater zeigt in einer neuen Fassung von „Romeo und Julia“ den Kampf der Familien Montague und Capulet als lebendes Bürgerkriegsstandbild. Foto: Barbara Aumüller
DARMSTADT. 


Dies ist eine Liebesgeschichte aus der Gruft. Die Darmstädter Choreografin Mei Hong Lin erzählt die tragische Romanze „Romeo und Julia“ aus der Rückschau: Ein Jahr nach dem Tod der Liebenden treffen die verfeindeten Familien Montague und Capulet in einem düsteren Tonnengewölbe über den Sarkophagen der Kinder wieder zusammen – offensichtlich noch immer tief zerstritten. Das Darmstädter Tanztheater zeigt den Klassiker in atemlosen 75 Minuten mit Blick zurück in altem Zorn. Das ist hart, das ist grimmig, das ist gut. Jubel und Bravos nach der Uraufführung am Freitag im Kleinen Haus.
Während die Ballette in Mannheim und Mainz „Romeo und Julia“ bereits in der musikalischen Fassung von Prokofjew zeigen, worauf bald auch Wiesbaden folgen wird, machen sie sich in Darmstadt mit neuen Tönen frei von russischen Melodien und englischem Stoff. Es ist im Vergleich zum opulenten Tanz-Klassiker eine viel schlankere Fassung, die zugleich unerhört aggressiv und wuchtig daherkommt. Der Schweizer Serge Weber hat fürs Staatstheater eine stilistisch vielgestaltige und dabei hochexpressive Musik komponiert, die Mei Hong Lin dazu dient, das erzählerische Geflecht aufzulösen, bis nur noch ein dünner Leitfaden von der Liebe zum Tod führt.
Von den fast zwei Dutzend Personen der Vorlage sind im Grunde nur noch die Titelfiguren übrig – die aber in siebenfacher Gestalt. Wobei die zarte Rie Akiyama und der hagere Wirbelwind Anthony Kirk als jüngstes Paar herausgehoben sind. Die Eltern und die Amme aber, der Beichtvater und Graf Paris – sie alle sind fort. Die streitenden Familien gehen auf in Gruppenszenen. Celedonio Indalecio Moreno Fuentes und Pavel Povrazník verkörpern „das Symbol der Fehde“, zeigen in einer clownesken Szenen einen Macho-Kampf im Stile der „Transformers“-Roboter aus dem Kino.
Wer Shakespeare kennt, mag darin den tödlichen Kampf zwischen Tybalt, Mercutio und Romeo erahnen, den nur Romeo überlebt, was ihn in die Verbannung führt. Dass er aus Mantua nach Verona zurückkehrt, die betäubte Julia scheintot findet, sich entleibt, woraufhin seine erwachende Geliebte ihm in den Tod folgt – das alles kann man erkennen, wenn man das Stück kennt. Ansonsten skizziert das Programmheft die szenischen Abläufe, was die Choreografie frei macht für die Konzentration auf das Innenleben der Liebenden und für das Kräftemessen mit der Musik.
Schließlich dröhnen und donnern Serge Webers Kompositionen vom Band mit ungeheurer Dominanz: Das ist Adrenalin nach Noten. Mit verzerrten Gesichtern und verrenkten Gliedern versucht die Darmstädter Compagnie zunächst expressionistisch dagegenzuhalten. Doch spätestens, wenn die Tänzer auch noch schreien, wird klar, dass man dieses Orgeln und Schlagwerkern nicht mit einem Veitstanz bezwingen kann. Die Produktion ist dann am eindrucksvollsten, wenn sich die Tänzer einmal nicht gegen den überwältigenden Sound stemmen, was zu selten geschieht; und wenn Webers karstig-kantige Collage zur Klangfolie im Hintergrund wird, was sich nach dem tosenden Beginn allmählich vollzieht.
Dann erst entfalten die einzelnen Elemente der Inszenierung vollends ihre beklemmende Kraft. Beim Maskenball, als Romeo seiner Julia zum ersten Mal über den Weg tanzt, kommen die Kostüme von Bjanka Ursulov prächtig zur Geltung. Mit Rock und Fächer, Zylinder und Halskrause entsteht zu folkigem Gefiedel ein grotesker Karneval in Schwarz, der auch einen Robert-Wilson-Abend schmücken könnte. In der Balkonszene, die hier an zwei verschiebbaren Podesten spielt (Bühne: Dirk Hofacker), vibriert die Nacht musikalisch, bevor Akkordeonspiel Verona in eine Pariser Träumerei verwandelt. Und in der Liebesnacht perlen schließlich Klavierläufe dahin, bis sich die sieben Paare immer weiter in die Ekstase steigern. Das ist keine schwüle Romanze, das ist Begehren und Verzehren bis zu Erschöpfung und Erschrecken.
Am Ende ihrer einzigen gemeinsamen Nacht scheinen Romeo und Julia sich selbst fremd geworden zu sein, weil die Sexualität sie derart mitgerissen hat. Und hinter dem Eros warten schon Wahnsinn und Tod. In der Sterbeszene zerrt Romeo an der leblosen Julia, erwacht sie verzweifelt neben seiner Leiche. Es braucht wohl gar kein Gift, schon der Gedanke an den Verlust des Liebsten tötet beide.
Das ist zärtlich und grausam zugleich. Ein kurzer Abend über den Tod der Liebe, den man mehrfach sehen kann, vielleicht sogar muss. Schließlich erzählen die sieben Romeos mit ihren Julias parallel verdichtet auch viele Spielarten der einen alten Geschichte. Bei Sieben auf einen Streich kann ein zweiter Blick gewiss nicht schaden. Und es kommt im Theater ja auch nicht oft vor, dass man die Vorstellung nach der Premiere gleich noch einmal sehen möchte.

Informationen über Aufführungstermine und Tickets unter www.staatstheater-darmstadt.de.

 
 
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