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26. November 2011  | Von Stefan Benz

„Revolver besorgen“: Narr des Vergessens

Festspiele: Brit Rodemund tanzt mit der Demenz

| Vergrößern | Entdeckung zwischen Plastiktüten: Brit Rodemund in „Revolver besorgen“. Foto: Oskar Henn
LUDWIGSHAFEN. 


Hansgünther Heymes Festspiele Ludwigshafen bringen anspruchsvolles Theater in den Pfalzbau: eine Auswahl von Saisonhöhepunkten, Arbeiten von Sasha Waltz, Armin Petras, Luk Perceval, Rene Pollesch und Herbert Fritsch – Hauptstadtkultur für die BASF-Stadt. Beim ersten von zwei Gastspielen von Helena Waldmanns Tanzabend „Revolver besorgen“ drängen sich denn auch die Besucher vor der Halle. Glückliches Ludwigshafen, denkt man und stutzt: Es sind allesamt Frauen. Und man erkennt: Nicht zum Tanzsolo über Demenz, sondern zur Stripper-Choreografie der Chippendales nebenan strömen die Damen. Im Theatersaal mit 1150 Plätzen läuft das Kontrastprogramm zu knackigen Körpern, der Intendant könnte die knapp 40 Zuschauer mit Handschlag begrüßen. Es ist das Dilemma dieses Theatertreffens, das wenig Ludwigshafener Laufkundschaft hat, obwohl es doch eine weite Anreise wert ist.
Die Choreografin Helena Waldmann hat Beobachtungen an ihrem demenzkranken Vater in einem Tanzabend verarbeitet, der nicht Angst und Schrecken verbreiten will. Brit Rodemund platzt mit Maschinengewehrgeknatter und Stechschritt auf die Bühne – nicht verwirrte Irrläuferin, sondern wunderlicher Narr. Gewiss, bisweilen krallt sie die Finger in den Oberschenkel, sackt ihr Kinn auf die Brust, tropft Speichel, japst sie, kippt aus einer Choreografie desorientiert zu Boden, tanzen nur noch die Hände mit den Schuhen, während sie im Spreizsitz hockt.
Doch immer wieder reißen Walzer und Swing sie zum Tanz hin, bis eine Ablenkung den Automatismus unterbricht. Dann wühlt sie in einem orangefarben leuchtenden Haufen Plastiktüten und zeigt mit einem Zerrspiegel Ernst und Irrsinn in ihrem Gesicht. Dazu erklingen Kommentare von Kranken, Therapeuten, Psychologen und Leichenbeschauern.
Nüchtern sind die Befunde, leicht, fast heiter ist der Tanz. Und wenn das Mahler-Lied „Ich bin der Welt abhandengekommen“ erklingt, liegt darin keine Bedrohung. Dabei ist es nicht Verklärung des Verfalls, was Waldmann zeigt, sondern Verwunderung übers Wesen der Krankheit und was sie aus uns macht – was sie uns an Menschlichkeit lässt. Ein einprägsamer Abend über das Vergessen.

Informationen über Aufführungstermine und Tickets unter www.theater-im-pfalzbau.de.

 
 
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