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05. November 2011  | Von Natalie Soondrum

„Magisches Kaleidoskop“: Strahlen in der Dunkelheit

Die unbedingte Bejahung des Tanzes spricht in jeder Sekunde aus Ballettdirektor Stephan Thoss’ dreiteiliger Produktion

WIESBADEN. 

Was an diesem Abend nachhaltig beeindruckt, ist die Stimmung. Die unbedingte, leidenschaftliche Bejahung des Tanzes, die in jeder Sekunde aus Ballettdirektor Stephan Thoss’ dreiteiliger Produktion „Magisches Kaleidoskop“ spricht. Der Funke, den die beiden Uraufführungen von Thoss zünden, springt völlig natürlich auf das Publikum über.
Thoss ist, wie seine Darmstädter Kollegin Mei Hong Lin, nominiert für den Theaterpreis „Der Faust“, der an diesem Samstag vergeben wird. In „Testing Machine“ nimmt er den Konsumwahn auf die Schippe. Das Bühnenbild ist eine Art dreiteiliges Drehkarussell mit ausnehmend hässlicher blauer Glitzerornamentik. Indem es sich weiterdreht, gibt es den Blick auf immer neue Möbelobjekte frei. Die Tänzer bespielen und betanzen schräge Tische, wenig einladende Sitzskulpturen, Riesensofas und grünen Teppichboden. Zwei Showmaster zappeln sich am Bühnenrand einen ab, versuchen vergeblich durch zweisprachige Ansagen der Show Sinn zu verleihen.
So wird der Blick wie von selbst auf die Tänzer gelenkt, die in ungemein kreativen und witzigen Bewegungsideen ausloten, was einem so übrigbleibt, wenn man als Menschlein radikal der Produktion untergeordnet wird. Das reicht von einer Persiflage auf Sechziger-Jahre-Shows bis hin zu Darstellungen mit Installations- oder Happeningcharakter wie die Pudelfrau mit Hund und Handtasche oder die fitnessbegeisterte Hausfrau im Teppich-Trainingsanzug.
Mit „La Chambre Noire“ schaut Thoss hinter die Kulissen des Konsumreigens. Er schickt die Tänzer in den „Darkroom“, wie die sado-masochistischen Höhlen einschlägiger Lokale genannt werden. Hier verschaffen sich die Gefühle Ausdruck, die im Alltagsleben abgeschnitten werden müssen. Den Tänzern gelingen nuancierte Darstellungsformen, sie winden sich im Schmerz, spüren voller Sehnsucht alten klassischen Formen nach. Ein ganzes Universum an Möglichkeiten lässt Thoss in diesem Unterweltszenario entstehen und verleiht so der Dunkelheit ein strahlendes Antlitz.
In Jiri Kyliáns „Sechs Tänzen“ zu den gleichnamigen Stücken von Mozart finden beide Strömungen wieder zusammen, die Ober- und die Unterwelt. Voller Humor fängt diese Choreographie die anarchische Spielfreude Mozarts ein, der der Etikette seiner Zeit durch seine phänomenale Begabung eine lange Nase drehte. Da stauben die weiß gepuderten Perücken, wirbeln die Tänzer ihre Partnerinnen an den Röcken in die zierlichsten Pirouetten. Und immer wieder trippeln Tänzer hinter schwarzen Krinolinen über die Bühne. Das ist köstlich und mit großer Hingabe getanzt. Schöner könnte dieser zweistündige Abend nicht enden.

Informationen über Aufführungstermine und Tickets unter www.staatstheater-wiesbaden.de.

 
 
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