Man denkt zwischen all den Autohäusern und Bürogebäuden nicht an Theater, wenn man durchs Gewerbegebiet am Rande des Darmstädter Westwaldes fährt. Doch in den weitläufigen Räumen einer ehemaligen Kleiderfabrik in der Hilpertstraße ist die darstellende Kunst eingezogen. Jürgen Bingels „Theater auf Tour“ hat dort seit 2008 seine Zentrale: ein Komplex aus Verwaltungs-, Proben-, Werkstatt- und Lagerräumen wie in einem kleinen Stadttheater oder mehr noch wie in einer Landesbühne. Denn vom Hauptsitz Darmstadt und drei weiteren Neben-Standorten aus gehen bis zu 17 Ensembles durch den deutschsprachigen Raum auf Tournee.
Nun steht ein Dinner-Musical auf dem Programm. Dinner-Krimis, also Morde mit Menü, lässt Geschäftsführer Bingel bereits seit 2004 servieren. Musical-Revues werden in der Tourneebranche auch gern zum Essen aufgetischt. Doch Regisseur Georg Mittendrein hat nun die Aufgabe, eine musikalische Komödie für vier oder für fünf Gänge szenisch zu filetieren. Dan Goggins „Nonnsens“ soll am 27. Januar (Freitag) im Hotel Jagdschloss Kranichstein Premiere haben. In diesen Tagen beginnen in Darmstadt die Endproben.
www.nonnsens.de
www.dinnerkrimi.de
www.theater-auf-tour.de
Der Off-Broadway-Spaß aus dem Jahr 1985 zeigt fünf Ordensfrauen, die ihre 52 unglücklichen Schwestern nur deshalb überlebt haben, weil sie heimlich zum Glücksspiel ausbüxt sind. Ihr Hauptgewinn: Sie haben die verdorbene Bouillabaisse verpasst, die alle anderen dahinraffte. Für die letzten vier Beisetzungen fehlt das Geld, die Leichen liegen in der Tiefkühltruhe, das Gesundheitsamt droht dem Kloster mit Schließung. Um an Dollars zu kommen, organisiert das Quintett eine Charity-Show nach dem Motto: „Wenn mal was daneben geht, folgt gleich ein Gebet.“ Die Handlung ist mithin nur der schwarzhumorige Anlass für eine Nummernrevue. „Das ist wie gemacht für dieses Format“, sagt der Wiener Georg Mittendrein (61), der das Stück 2010 bereits in einer Freilichtinszenierung herausbrachte. Nun inszeniert der Regisseur, seit Anfang der Neunziger erfahren als Intendant in Altenburg, Bozen, Plauen und zuletzt bei den Clingenburg-Festspielen, also Theater mit Messer und Gabel.
Egal ob beim Krimi oder im Musical – der Rahmen muss dabei stimmen, weiß Pressesprecherin Nathalie Leuerer: „Es ist wichtig, dass es einer inneren Logik folgt, dass sich der Zuschauer nicht fragt: Warum sitze ich hier eigentlich?“ Ein Dinner-Krimi wie „Mord an Bord“ spielt dann also bei der Trafalgar-Gedenkfeier eines britischen Admirals im Ruhestand.
Im achten Jahr hat Jürgen Bingel nun auch einen Speise-Spielplan im Tournee-Programm. Da proben die Ensembles nicht für Auftritte in Stadt- und Turnhallen, sondern für Shows in Hotels und Schlössern. „Der Markt hat sich sehr verändert“, sagt der Theater-Unternehmer, der früher als Impresario die Tourneen anderer Bühnen organisiert hat. Dieses Geschäft gehe ebenso zurück wie das Gastspiel-Gewerbe mit bekannten Schauspielern aus Film und Fernsehen.

Merken
|













