DARMSTADT.
Die Frage lässt ihn nicht los. Ob der Geschmack des Publikums sich verändert habe in den vergangenen fünfzig Jahren? Ob heute eine neue Spielart des Humors, eine andere Form von Unterhaltung gefragt sei? Die Frage rührt an die menschliche Natur, und wenn einer sie beantworten kann, muss es Dieter Rummel sein. Seit fünfzig Jahren ist er so nahe am Publikum wie kaum ein anderer Schauspieler und Theaterleiter, seit fünfzig Jahren spürt er die Reaktionen auf seine Komödien, hört es, wenn das Lachen sich Bahn bricht, kennt auch die Stille, wenn eine Pointe verpufft ist. Seit fünfzig Jahren ist er auch im Gespräch mit seinem Publikum. Der Intendant, der Spielpläne verteilt, gehört zum Darmstädter Stadtbild, und Rummel hat solche Werbung auch mit siebzig nicht eingestellt. Er weiß: Man muss zu den Menschen kommen, wenn umgekehrt die Menschen ins Theater kommen sollen.Denn von alleine funktioniert das nicht. Rummel kennt auch das Auf und Ab des Zuschauerinteresses. In den besten Zeiten hatte das von ihm gegründete Privattheater über 50 000 Zuschauer im Jahr, heute ist es etwa die Hälfte. Auch wenn der Geschmack des Publikums sich nicht verändert hat - es ist schwerer geworden, die Menschen überhaupt ins Theater zu holen. Dass das Tap damit im Trend liegt, ist ein schwacher Trost. Die Menschen hocken lieber daheim. Der Druck im Arbeitsleben ist gewachsen, vermutet Rummel, da will man abends eher seine Ruhe haben. Hinzu kommt eine Konkurrenz, wie es sie früher nicht gab: Die medialen Verlockungen mit Internet und Dutzenden von Fernsehprogrammen haben sich vervielfacht, das kulturelle Angebot ist in den vergangenen Jahrzehnten geradezu explodiert. Eine Theateraufführung, die in den Nachkriegsjahren ein Ereignis sein konnte, das die Stadtgesellschaft vereinte, ist heute ein Termin unter vielen anderen.Die Komödie Tap, seit 1986 im Westen Bessungens auf dem Gelände des Stadtbauhofes untergebracht, trotzt dieser Entwicklung mit Erfolg. Sie hat ihr Stammpublikum für das Abendprogramm, das im Jahr vier verschiedene Stücke jeweils en suite spielt, sie hat ein bemerkenswertes Repertoire im Kindertheater aufgebaut: Sieben Stücke sind nicht nur spielbereit, sondern sie werden im Wechsel auch tatsächlich aufgeführt. Damit besitzt Darmstadt die Kostbarkeit eines regelmäßigen Theaterangebots für die Kinder noch vor dem Grundschulalter. Die Kombination von Boulevard- und Kindertheater ist einzigartig, und sie verlangt ein festes und sehr wandlungsfähiges Ensemble. Morgens bändigt Dieter Rummel als Meister Eder einen quicklebendigen Pumuckl, abends ist er derzeit ein biederer Büromann, der Gefallen daran findet, für einen Wüstling gehalten zu werden. Dazwischen wird geprobt: Das sechsköpfige Tap-Ensemble ist gut ausgelastet. Aber die Sache scheint Freude zu bereiten, denn die aktuelle Truppe ist seit Jahren zusammen, und auch der Zuschauer merkt, dass nicht nur das Talent, sondern auch die Chemie stimmt.Kollegen kamen und gingen, Dieter Rummel blieb. Seine Theaterbegeisterung war die Säule, die das Privattheater bis heute trägt. Der Bub aus dem Watzeviertel, Jahrgang 1939, hatte immer schon einen Hang zur Schauspielerei. Vielleicht, sinniert er, hat er ihn ja von seinem Vater geerbt. Der Justizangestellte freilich war den Künsten nicht sonderlich zugetan. Ein strenger Mann war er außerdem, und eine Schauspielausbildung völlig undenkbar. Immerhin stand Dieter Rummel bei der Hessischen Spielgemeinschaft auf der Bühne. Seine Rolle im Justus-Liebig-Drama »Aus dem Bub werd nix« gab dann letztlich den Anstoß. Aus dem Bub wurde etwas. Dieter Rummel, Kaufmannslehrling im Speditionswesen, nahm abends Privatstunden bei Friedrich Isterling vom Landestheater, dem Regieassistenten von Karlheinz Stroux. Der war ein guter Lehrer, und nach den Stunden unterrichtete er seinen Schüler regelmäßig in seiner zweiten Leidenschaft, dem Biertrinken. Diese Ausbildung war Rummel bald zu strapaziös, er wechselte an die Schauspielschule Genzmer in Wiesbaden.Zur Theaterliebe gesellte sich Gründergeist. Vor fünfzig Jahren erfand Dieter Rummel, anfangs noch gemeinsam mit dem späteren Radiomann Werner Klein, das »Studio 60«, benannt nach dem Gründungsjahr. Zum Start gab es zwei Komödien von Curt Goetz, gespielt wurde im Heag-Saal an der Luisenstraße. Das hieß: nachmittags die Teile für das Bühnenpodest hinauftragen, nach der Vorstellung wieder runterschleppen. Denn der Saal wurde von der Heag für Vorträge und Kochkurse genutzt, außerdem teilte sich das »Studio 60« den Raum mit der Christlichen Landesbühne. Von der ist heute keine Rede mehr, vom ehemaligen »Studio 60« aber schon. Das zog bald um ins Liebighaus, wenig später bekam Rummel das Angebot, eine feste Spielstätte im Ernst-Ludwig-Haus auf der Mathildenhöhe zu beziehen. Die Bäume in der Nachbarschaft gaben der Bühne ihren Namen, der bis heute im Kürzel Tap fortlebt. Das »Theater am Platanenhain« spielte gehobenen Boulevard, eine Farbe, die das Programm des Landestheaters perfekt ergänzte und den Geschmack des Publikums traf. Als der Staatstheater-Neubau eröffnet wurde und das Orchester nicht mehr in der Ruine des Mollerbaus probte, konnte das Tap in die Innenstadt ziehen. Die Jahre im Mollerbau waren wohl die Zeit der größten Erfolge. Zeitweise unterhielt das Tap sogar zwei Spielstätten, eine davon in der ehemaligen Kellerkneipe der Theaterruine, und das Ensemble wuchs auf bis zu 14 Schauspieler. 1986, als sich eine neue Nutzung für den Mollerbau abzeichnete, folgte der Umzug in das heutige Domizil, den Büchner-Saal an der unteren Bessunger Straße. Das Publikum zog auch an diesen Ort mit.So groß die Ensembles aber waren, so sehr das Publikum einige Darsteller in sein Herz schloss: Letztlich war und ist das Tap eine Solonummer von Dieter Rummel, einem der wenigen Theatermenschen, die ihrer allumfassenden Tätigkeit wegen das altmodische Wort des Prinzipals wirklich verdienen. Als Schauspieler hat er eine charmante Ausstrahlung und die Gabe feiner Komik. Als Regisseur besitzt er ein Gespür für Typen und Timing, als Intendant hat er ein Händchen für Texte, die beim Publikum ankommen, auch für jenes Maß an Freizügigkeit, die man mit dem ebenfalls etwas altmodischen Begriff der Frivolität umschreibt. Sie spielt eine viel geringere Rolle, seit sexuelle Themen im öffentlichen Alltag ganz selbstverständlich erörtert werden. Das Tap und Dieter Rummel sind bis heute eins. Darum traf es dieses Privattheater auch besonders hart, als Rummel von einem Schicksalsschlag getroffen wurde. Wenige Tage nach seinem fünfzigsten Geburtstag erlitt er einen schweren Schlaganfall. Schlimmer noch als die halbseitige Lähmung war für ihn die Aphasie, die Störung der Fähigkeit, das richtige Wort zu finden. Für Rummel stand schnell fest, dass er wieder auf die Bühne wollte. Ärzte machten ihm wenig Hoffnung. Das einzige, was er im Tap wieder tun könne, sei das Kartenabreißen, wenn ihm das mit einer Hand gelinge, teilte man ihm wenig zartfühlend mit. Aber Rummel trainierte sich mit eisernem Willen. Logopäden kamen ihm mit Spielfiguren, seine Tochter Beate, die mit ihm schon auf der Bühne gestanden hatte, brachte den »Kleinen Hey« an, das Standard-Lehrwerk zur Kunst des Sprechens.Das half. Nach einem halben Jahr stand Rummel wieder auf seiner Bühne, erst in kleinen Rollen, dann in größeren. Ganz der Alte wurde er nicht mehr. Aber er hatte den jungenhaft spitzbübischen Ton nicht verloren, und es gelang ihm, die von ihm dargestellten Typen seiner Art zu spielen anzupassen und so eine neue Farbe ins Ensemble zu bringen.Das Repertoire steht, das Ensemble ist stark. Auch das Repertoire hat sich entwickelt. Ein paar der Erfolgs-Boulevardstücke, findet Rummel, mögen sich überlebt haben. Aber es gibt Klassiker, in denen Wortwitz und Situationskomik bis heute bezaubern. Und es gibt junge Autoren wie Lars Albaum und Dietmar Jacobs, die einen frischen, vom Pointenreichtum der Comedy-Szene befruchteten Ton ins Boulevardtheater bringen. Ans Aufhören denkt Rummel auch nach seinem siebzigsten Geburtstag nicht. Trotzdem sieht er die Zukunft mit Sorge. Ganz ohne Zuschüsse ist ein Theater auch bei sparsamstem Wirtschaften nicht zu betreiben. Die von der Stadt eingesetzte Kommission zur Begutachtung der freien Theaterszene hatte vorgeschlagen, das fünfzigjährige Bestehen als Abschluss dieser Theaterarbeit zu betrachten. Vom Ergebnis dieses Gutachtens ist zwar keine Rede mehr. Aber die aktuellen Sparbemühungen treffen das Tap wie andere freie Gruppen in Darmstadt. Die städtische Zuwendung wurde erst um 20 Prozent gekürzt und dann nur zur Hälfte ausbezahlt - 28 000 Euro statt der erhofften 56 000. Eine weitere Zahlung gibt es nur, falls die Stadt mit ihren Sparbemühungen Erfolg hat. Eine weitere Kindertheaterproduktion ist deshalb zunächst einmal mit einem Fragezeichen versehen, und das Theater muss versuchen, die Finanzlücke durch Hilfe von Spendern und weiteren Sponsoren zu schließen.Noch beim Abschied geht Dieter Rummel die Frage durch den Kopf, ob sich das Publikum verändert habe. Im Grunde glaubt er nicht daran, sagt er. »Ich habe noch niemanden getroffen, der über einen guten Witz nicht gerne gelacht hätte.«

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