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18. Januar 2012  | Von Johannes Breckner

„Was der Butler sah“: Nette Verrückte

Komödie – Wiesbaden verschenkt die Chancen von Joe Ortons Farce

WIESBADEN. 

Es lohnt, ein paar Minuten früher zu kommen. Denn Franziska Werner ist schon da. Sie inspiziert das gute Dutzend Türen, welche die Bühnenbildner Lorena Díaz Stephens und Jan Hendrik Neidert im Halbrund aufgebaut haben, sie probiert aus, wie man sich als Sekretärin vorteilhaft hinsetzt, und wenn sie mit hoher Konzentration die Nieten am Polsterstuhl zählt, ahnt man, wie dünn die Scheidewand sein kann zwischen Wahn und Wirklichkeit, zwischen Normalität und dem Gefühl, verrückt werden zu können.
Oder von den anderen für verrückt gehalten zu werden: Denn darum geht’s in „Was der Butler sah“, einer Farce des Briten Joe Orton (1933–1967), die in die Praxis eines Psychiaters führt. Doktor Prentice will unter dem Vorwand ärztlicher Kunst seine Sekretärin verführen, und als die Dame nackt ist, setzt ein Reigen immer schrägerer Verwirrungen ein, in denen einer den anderen für meschugge hält. Die Regisseurin Caroline Stolz hat das Talent, die Wartburg-Bühne des Wiesbadener Staatstheaters temporeich und witzig zu bespielen, schon vielfach bewiesen. Sie kann außerdem ein starkes Ensemble glänzend führen – ob es Michael Günther Bard als Arzt ist, der das von ihm angerichtete Durcheinander mit immer neuen, immer fantastischeren Lügen zu ordnen versucht, oder Evelyn M. Faber als seine Frau, deren Laune mit jeder neuen Niederlage des Gatten steigt.
Als Irrenarzt-Kollege tritt ein Doktor Rance auf – der Mann gibt vor, von der Gesundheitsbehörde zu sein, aber so, wie Benjamin Krämer-Jenster ihn spielt, ist klar: Dieser Psychiater ist der einzige wirklich Verrückte in dieser Manege abseitigen Verhaltens. Sie alle zappeln sich ab in dem großen Irrenwitz, den Caroline Stolz auf die Bühne bringt. Mehr traut sie dem Stück offenbar nicht zu, und deshalb erscheinen auch die achtzig Minuten recht gedehnt, obwohl pausenlos Türen auf- und zugehen und die Figuren zum stets unpassenden Zeitpunkt in das Geschehen werfen.
Den subversiven Blick auf eine vom Psycho-Wahn besessene Gesellschaft, die jedes Verhalten mit Freud erklären möchte, bleibt dieser viel zu nette Abend schuldig. Aber da ist immerhin Franziska Werner in der großen Rolle der Geraldine Barclay, einer Sekretärin der Agentur, die ihren Kunden immer ein freundliches Gesicht verheißt. Wie sie arglos um die Einlösung dieses Versprechens ringt, bis sie vom Strudel der Ereignisse fortgerissen und in den nackten Überlebenskampf geworfen wird, den sie gleichzeitig mit großen Augen bestaunt – das ringt dem ziemlich leeren Jux dann doch noch ein paar anrührende Augenblicke ab.

Informationen über Aufführungstermine und Tickets unter www.staatstheater-wiesbaden.de.

 
 
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