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13. Januar 2012  | Von Johannes Breckner

„Red Light Red Heat“: Picknick bei Pik Dame

Theaterprojekt: Wahrscheinlich sieht es ziemlich dämlich aus, in Zweiergruppen mit Kopfhörer und Proviant-Papiertüte herumzulaufen

| Vergrößern | Als künstliches Wesen im Amüsierbetrieb zählt Henriette Blumenau zu den zentralen Gestalten der Theaterproduktion „Red Light Red Heat“; im Hintergrund Lorena auf der Bühne des Pik Dame. Foto: Birgit Hupfeld
FRANKFURT. 


Zwei Ratschläge sind zu Beginn dieses Abends angebracht. Erstens: Wer zu zweit kommt, tut am besten so, als kenne er seinen Partner nicht. Denn Paare werden getrennt, und der Zuschauer wird über Kopfhörerkabel mit einem Fremden verbunden. Derlei erzwungene Kommunikation ist nicht jedermanns Sache, aber das wird sich noch als harmlos erweisen im Vergleich zu dem, was kommt. Zweitens: Man sollte unbedingt fünf Euro investieren in das Lunchpaket, das bereitgehalten wird. Denn der Abend dauert ein Weilchen, am Ziel wird man mit Wodka begrüßt und mit weiteren geistigen Getränken verpflegt, und außerdem vertreibt das Knabbern die Zeit.
Wahrscheinlich sieht es ziemlich dämlich aus, in Zweiergruppen mit Kopfhörer und Proviant-Papiertüte durchs Frankfurter Occupy-Camp und das Bahnhofsviertel zu laufen, die in direkter Nachbarschaft zum Schauspielhaus liegen. Diese Nachbarschaft hat Pedro Martins Beja (Regie) und Paul Wiersbinski (Text) zu ihrem Theaterprojekt „Red Light Red Heat – Eine Überbelichtungsmenagerie“ inspiriert. Thematisch führt es in die nahe Zukunft nach dem Zusammenbruch des Finanzsystems, räumlich in das Bahnhofsviertel, das weniger Sündenmeile ist als sozialer Brennpunkt und Treff drogenkranker Menschen. Das Theaterprojekt setzt großes Geld und Elend miteinander in Beziehung, wofür ja einiges spricht, und es nutzt den Trick, die Gegenwart aus der Perspektive einer vorgestellten Zukunft zu betrachten. Beim Gang durchs Bahnhofsviertel erklärt die Stimme aus dem Kopfhörer, dass der Anblick von Menschen nur die raffinierte Projektion der Roboterwesen sei, denen die Zukunft gehört. Oder so ähnlich, zum Zuhören hat man wenig Gelegenheit, man muss nämlich auf einem Stadtplan den Weg finden und außerdem zusehen, dass man nicht von der Straßenbahn überfahren wird, die man dummerweise nicht mehr hören kann.
Auf diese Weise gelangt man glücklich in das Lokal „Pik Dame“, das große Zeiten als Amüsierclub hinter sich hat und gerade im Bildband des Fotografen Ulrich Mattner zu Berühmtheit gelangt ist, mitsamt seinem Türsteher Karlheinz, der an diesem Abend die Garderobe betreut. Drinnen herrscht eine höhlige Gemütlichkeit, Sébastien Jacobi, der den Gastgeber des Abends spielt, empfängt die Besucher in kleinen Gruppen und zeigt die Separées, die ziemlich eng sind, was wahrscheinlich ihrer Bestimmung entspricht. Angeber können hier einen Tausender für eine Flasche Dom Perignon springen lassen, aber der Laden sieht nicht aus, als käme das häufig vor. Man findet ein nettes Plätzchen, die Menschen rauchen, es riecht nach Gras. Mona bringt ein Bier. Sie gehört nicht zum Theater, sondern seit zwanzig Jahren schon zum Ensemble des Pik Dame.

An anderen Abenden erlebt sie hoffentlich ein aufregenderes Showprogramm. So aufwendig der Abend konzipiert ist, so behäbig beginnt er auch. Sébastien Jacobi erzählt von der Gegenwart als Schnittpunkt von Vergangenheit und Zukunft und steckt zwischendurch eine Vogelfeder in den Hosenlatz, Henriette Blumenau trägt ein lustiges Glitzerkostüm mit Lichterkette, bewegt sich roboterhaft und singt „Toxic“ von Britney Spears, eine Dame namens „Bambi Lovedoll“ führt einen Mann an der Hundeleine durchs Lokal, und ein vorwitziger Theaterfreund greift zur Peitsche, um dem Kriechenden eins zu versetzen. Das ist er einzige Augenblick, an dem Heiterkeit aufkommt.
Dann erscheint Frau Lorena. Sie sieht aus, wie man sich eine Tänzerin im Pik Dame vorstellt, und sie tanzt, wie man es auf der Bühne vom Pik Dame erwarten darf. Leider ist das Licht dämmerig, und der Nebel verringert die Sicht. Es wird Zeit für die Salzbrezeln aus dem Lunch-Paket, nur zehn Gramm sind in der Tüte, das sind höchstens sechs Stück. Aber es gibt ein zweites Beutelchen und auch eines mit Paprika-Chips. Höhepunkt des Abends ist die geräucherte Bratwurst aus dem Plastiksäckchen. Zum Glück hat man nicht die vegetarische Wegzehrung gewählt. Die Kellnerin bringt noch ein Bier. Sie streicht dem Gast über die Wange und fragt mütterlich: „Na, macht’s müde?“
Das hat wohl auch die Regie erkannt, denn nun wird das Publikum verschärft zum Mitmachen verpflichtet. Der Schauspieler Benedikt Greiner holt ein paar Zuschauer in den Keller, wo das Pik Dame noch einige Extra-Gemächer hat. Wenn hier die Sünde wohnt, dann wohnt sie ziemlich schäbig. Am Ende des schmalen Zimmers steht ein Occupy-Zelt, Greiner erzählt mit visionärem Blick eine irre Geschichte von Menschen, die gerettet werden sollen, weshalb die Zuschauer in Dreiergruppen raus auf die Elbestraße müssen, um einem Passanten ein Schokoherz zu überreichen. Gottlob ist im Team „Doppelherz“, dem man zugeteilt wird, eine mutige Frau, die einen verdutzten Passanten mit der Gabe froh macht.
Als man zurückkommt, hat ein Fremder den Platz besetzt und die Provianttüte geplündert. Jetzt wäre es Zeit zu gehen, aber noch immer will ein knappes Stündlein herumgebracht werden. Womit, weiß man hinterher nicht mehr so genau. Von der gemeinsamen Arbeit am Augenblick des sinnlichen Erlebens ist die Rede und von einem emotionalen Zinsertrag. Allerdings ist an diesem Abend der Zinssatz nicht sehr hoch, und auch beim Erkenntnisgewinn darf man sich nicht mehr erhoffen als der Geldanleger aktuell vom Sparbuch. Dafür weiß man, dass das Pik Dame eine Empfehlung ist, vor allem dann, wenn die Brotzeit mitgebracht werden darf.

Informationen über Aufführungstermine und Tickets unter www.schauspielfrankfurt.de.

 
 
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