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24. Januar 2012  | Von Stefan Benz

„Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen“: Sterben, bevor der Kommunismus tot ist

Erstaufführung – Kushners Stück in Mannheim

| Vergrößern | Gewerkschaftsveteran Gus (Edgar M. Böhlke) glaubt, er leide an Alzheimer. Drum will er vorzeitig aus dem Leben scheiden. Seine Kinder hat er zur Mitbestimmung über den Freitod eingeladen. Foto: Hans Jörg Michel
MANNHEIM. 

Der alte Gewerkschafter Gus Marcantonio will sich das Leben nehmen, weil er glaubt, an Alzheimer zu leiden. Seine drei Kinder sind zusammengekommen, um mit dem Vater eine Sterbehilfe-Diskussion zu führen und dabei ein Jahrhundert zurückzublicken auf die Sexual- und Sozialgeschichte von Familie und Vaterland.
Dass Tony Kushner (55) solch ein Sittenbild entwerfen kann, hat er 1991/92 mit den beiden Teilen von „Engel in Amerika“ bewiesen. Da beschwor der homosexuelle Sozialist Mormonen und Aidskranke, die Geister von historischen Kommunisten und Kommunistenfressern sowie einen leibhaftigen Engel für ein Pop-Mysterienspiel der gerade vergangenen Dekade. Es wurde ein Welterfolg. Davon ist Kushners „Ratgeber“ nach der deutschsprachigen Erstaufführung in Mannheim allerdings weit entfernt.
Den Bandwurmtitel hat der Autor bei einem marxistischen Text von George Bernard Shaw und bei der Sekten-Bibel der Christian-Science-Bewegung entlehnt. Gedanklich dehnt er sein Szenario auch noch bis zur Ermordung des italienischen Königs Umberto I. durch einen italienischen Anarchisten im Jahr 1900 und zu Hafenarbeiterstreiks im New York der frühen Siebziger. Abgearbeitet werden all diese Stoffe in einem konventionellen Familiendrama von Eifersucht und Missgunst, das durch Debatten um Bürgerrechte und Demenz zusätzlich beschwert wird.
Familie Marcantonio ist mithin eine Sippe der Zeitgeister. Patriarch Gus, der bei Edgar M. Böhlke nicht senil, sondern sehr scharfsinnig daherkommt, will sterben, bevor sein geliebter Kommunismus draufgeht. Einstweilen hat er sich auf das Übersetzen von Horaz aus dem Lateinischen verlegt.
Sohn Pill, ein Geschichtslehrer, lebt asexuell mit einem Theologieprofessor zusammen, den er mit einem 300-Dollar-Stricher betrügt. Die klassenbewusste Tochter Empty, Arbeitsrechtlerin der Gewerkschaft und Vaters „Genossin“, lebt mit einer Theologiedoktorandin zusammen, die sich heimlich von Vinnie, dem konservativen Sohn im stramm linken Hause Marcantonio, hat schwängern lassen. Tante Clio, die als Karmeliter-Novizin in die Anden ging und als marxistische erleuchtete Guerilla-Sympathisantin zurückkam, komplettiert das Zerrbild dieser amerikanischen Problemfamilie.
Kultur- und Ideengeschichte sind hier derart in Dialoge gepresst, dass bisweilen schwarzer Humor herausquillt. Man hätte diesen Zug ins Absurde steigern können, doch diesen Kunstgriff gestattet sich der Mannheimer Schauspieldirektor Burkhard C. Kosminski nicht. Im monumentalen Bühnenbild von Florian Etti, das als abstrakte Träger-Skulptur ein Haus andeutet, tastet sich das Ensemble mit Aufsage-Theater ratlos zum Realismus, wobei das italo-amerikanische Milieu den Mannheimern fremd bleibt. All die deftigen Flüche, die Kushner seiner Musterproblemfamilie aufgeschrieben hat, klingen steril.
Kräftiger Beifall nach der Premiere im Nationaltheater für einen erzählerischen Kraftakt. Schließlich stecken in diesem Stück Dramen für drei Abende. Warum Kushners Figuren jedoch außerhalb eines Amerikanistik-Seminars Interesse wecken sollten, das kann diese deutsche Erstaufführung nicht mal andeuten.

Informationen über Aufführungstermine und Tickets unter www.mannheim.nationaltheater.de.

 
 
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