Wer Glück hat, wird von Cecilia bedient. Die Kellnerin hat den ungeduldigen Chef im Nacken, und trotzdem gibt sie jedem Gast das Gefühl, nur für ihn da zu sein. Bianca Weidenbusch spielt die Rolle, noch bevor die Vorstellung begonnen hat: Wie immer wird das Publikum der Neuen Bühne vom Ensemble bewirtet, aber diesmal führt das kulinarische Vorspiel auf direktem Weg in die Handlung hinein. Cecilia hat als Kellnerin kein Glück, und in der Zeit der großen Wirtschaftsdepression ist die Konkurrenz hart. Sie fliegt raus – ein Pech für sie, ein Glück für das Stück „The Purple Rose of Cairo“, die Bühnenfassung der Filmkomödie von Woody Allen.
Cecilia verbringt die freie Zeit im Kino, und der Abenteurer, der in Kairo die Purpur-Rose sucht, hat es ihr angetan. Aber der Zauber wirkt auch in die andere Richtung: Tom Baxter klettert von der Leinwand ins richtige Leben und bringt damit nicht nur Cecilia durcheinander, sondern auch seine Kollegen, die im Film ohne ihn weiterspielen müssen. Im Kino war diese hübsche Verwirrung zwar gut gelungen, aber erst die Bühnenfassung überwindet die Grenze zwischen konserviertem Spiel und echter Darstellung wirklich. Und wie Renate Renkens Inszenierung die beiden Darstellungsebenen miteinander verknüpft, ist überaus sehenswert. Nicht nur der Trick des Aus-der-Leinwand-Schlüpfens glückt glänzend, auch die Dialoge zwischen vorproduziertem Film und darauf abgestimmter Bühnenaktion gelingt mit einer verblüffenden Selbstverständlichkeit.
Aber das ist nur die eine Seite dieses sehr unterhaltsamen, vom Publikum begeistert aufgenommenen Abends. Das Vergnügen ist die Geschichte, die Renate Renkens Regie mit leichter Hand und einem gut eingespielten Ensemble erzählt. Bianca Weidenbusch und Marcel Schüler spielen sich die Bälle zu – sie ist sehnsuchtsvoll das arme Hascherl, dessen Herz so groß ist, dass selbst der rüpelige Ehemann (Ulrich Sommer) darin noch Platz hat. Und Marcel Schüler ist mit staunendem Charme die Filmfigur, die arg- und ahnungslos ins Leben geworfen wird. Die fieseren Züge des Schauspielers, der ebenfalls auftaucht und Cecilias Gefühle für die Rettung seiner Karriere missbrauchen wird, liegen diesem charmanten Typ weniger.
So fantastisch die Geschichte ist, so menschlich nah gelingt dieser sehr sympathischen Produktion die Erzählung, die von starken Typen getragen wird – ob es Ralph Dillmann als verschrobener Provinz-Kinobesitzer ist oder Rainer Poser als ruppig bellender Filmproduzent, ob auf der Leinwand Gabriela Reinitzer als reiche Erbin giftet oder Nicole Klein als Nachtclubsängerin die Augenlider klimpern lässt: Das Ensemble hat Spaß an den Klischees, aber es gibt ihnen die anrührende Note, die dieser Geschichte guttun. Zudem beweist die Regie feines Gespür für den Wechsel der Tonlagen, der die Welten von Leinwand und Bühne zusätzlich voneinander scheidet.
Die Sache hat nur einen Haken. Die filmisch konstruierte Geschichte entfaltet sich in einem sehr kleinteiligen Szenenmosaik. Und obwohl Tobias Ullrichs Bühnenbild den Raum variabel nutzt, bremsen die häufigen und nicht gerade kurzen Umbauten, auch wenn sie aus dem Dunkel überraschende Bilder auftauchen lassen, den Fluss der Ereignisse. Das ist aber auch der einzige Vorteil, den in diesem Fall das Kino gegenüber dem Theater hat.
Informationen über Aufführungstermine und Tickets unter www.neue-buehne.de.
„Purple Rose of Cairo“: Überraschung aus dem Dunkel
Schauspiel: Das Ensemble hat Spaß an den Klischees, aber es gibt ihnen die anrührende Note, die dieser Geschichte guttun
DARMSTADT.
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