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26. März 2010  | Von Stefan Benz

,,Jubiläum": Grauen aus dem Grabe

Die Gruppe Theaterlabor spielt George Tabori auf der Mollerhaus-Bühne

| Vergrößern | Die Dummheit von heute beschwört den Schrecken von gestern: Neonazi Jürgen (Alexander Baab, rechts) bedrängt den Geist des jüdischen Komponisten Arnold (Eric Haug). Szene aus der Theaterlabor-Inszenierung von George Taboris „Jubiläum“. Foto: Christian Gropper
DARMSTADT. 


Am Tag vor der Premiere in Darmstadt ist am Aachener Landgericht der ehemalige SS-Mann Heinrich Boere wegen Mordes an niederländischen Zivilisten zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Boere ist 88, der ukrainische SS-Scherge John Demjanjuk, dem zurzeit in München der Prozess wegen seiner Taten im Vernichtungslager Sobibor gemacht wird, ist bald 90. Letzte Gelegenheiten, Rechenschaft und Verantwortung von den Tätern zu fordern. Da passt es nicht schlecht, dass Max Augenfeld mit seiner freien Gruppe Theaterlabor nun auf der Mollerhaus-Bühne ,,Jubiläum" von George Tabori spielt. Darin erhebt sich die Erinnerung an den Naziterror geisterhaft aus einem Friedhof, der am Ende zur Baustelle wird. Bevor die Geschichte untergegraben wird, die Zeitzeugen aussterben, stemmt sich das Theater mit Taboris Totentanz gegen das Vergessen.

Der jüdische Dramatiker (1914-2007), dessen Vater in Auschwitz ums Leben kam, schrieb und inszenierte ,,Jubiläum" 1983 zum 50. Jahrestag von Hitlers Machtergreifung für das Bochumer Schauspiel unter Intendant Claus Peymann: Ein Totengräber, ein grabschänderischer Neonazi und fünf Untote des Terrors spuken durch die Traumszenenfolge. Zwei Stunden dauerte die Uraufführung, Max Augenfeld hat das episodische Spiel auf etwa 75 Minuten verknappt, lässt auf einer breiten, mit Altkleidern übersäten Treppe spielen - Ausstattung: Manuela Pirozzi. Dies ist keine letzte Ruhestätte, sondern eher die Lumpenkammer einer Vernichtungsfabrik.

Der szenischen Konstruktion, in die Tabori seine Figuren mit schwerer Symbolik und schwarzem Witz zwängt, begegnet die Regie hier mit einem angedeuteten Ausweichen ins Clownspiel. Die lebenden Leichen sind kalkweiß geschminkt mit schwarzen Malen im Gesicht. Ausgeformte Psychogramme sind von solchen Gestalten nicht zu erwarten, eine Stilisierung für derartige Kunstfiguren bietet die Inszenierung aber auch nicht. Und so mühen sich die Schauspieler mit unterschiedlichem Erfolg um ihr Personal. Ein Sieben-Personen-Stück ist für eine kleine Theatergruppe ja eine große Herausforderung, der das Theaterlabor nicht mit einer geschlossenen Ensembleleistung begegnen kann.

Nadja Soukup ist bei der Premiere krank, quält sich mit einer Atemwegsinfektion, aber diese Anstrengung steht ihrer Figur gar nicht schlecht: Sie ist Mitzi, das stotternde spastisch behinderte Mädchen, das sich ausgerechnet in einen Neonazi verliebt und am Ende den Kopf in den Gasofen steckt. Nadja Soukup ist in einem Dokumentartheater-Solo aber auch die vielgestaltige Verkörperung eines historischen Massenmordes an jüdischen Kindern im Hamburg der letzten Kriegstage - eine grimmige Energieleistung. Stefanie Otten spielt Lotte, die in einer surrealen Angstszene in einer Telefonzelle ertrinken wird, mit einem schnippischen Stolz und einem pikierten Trotz, der sich lachend selbst gegen den Tod stemmt. Auch Norma Gonzales-Daniels, die dritte Dame im Ensemble, gestaltet mit ihrem spanisch-lispelnden Akzent den Totengräber sehr markant.

Die Herren sind nicht durchgängig derart prägnant. Neben Peter Schmidt als Friseur Otto, Sascha Stegner als sein selbstquälerischer Lebensgefährte Helmut und Eric Haug als politisch kurzsichtiger Komponist Arnold verkörpert Alexander Baab den Neonazi Jürgen. Trotz Lederjacke und Springerstiefeln ist er keiner, um den man auf der Straße ängstlich einen Bogen machen würde. Alexander Baab legt Energie in die Dummheit dieses Wüterichs, ohne ihn als Monster zu diffamieren. Der Zorn dieses Außenseiters hat eine sanfte Seite, mit der man sich bei anderer Gelegenheit vielleicht anfreunden könnte. Das macht diese Figur reizvoll zwiespältig.

Und der Umstand, dass Peter Schmidt im Ensemble ist, sorgt dafür, dass das Theater auch nach dem Schlussapplaus wirken kann. Schmidt hat seine Kindheit im Darmstadt der Nazizeit erlebt. Nach der Premiere erzählt er dem beklommenen Publikum davon, wie er stets mit einem jüdischen Nachbarjungen spielte, wie daraufhin die Erziehung seiner Mutter amtlich in Zweifel gezogen wurde und wie der Spielkamerad von da an nicht mehr auf derselben Straßenseite laufen durfte wie er. Als Nachspiel der Friedhofsgroteske machen solche Erinnerungen an den totalitären Alltag das neue Theaterlaborprojekt besonders wertvoll. Da zeigt sich, dass der Hass der deutschen Diktatur eben nicht nur in Gestalten wie John Demjanjuk und Heinrich Boere wühlte, sondern dass Unmenschlichkeit schon auf dem Kinderspielplatz beginnen kann.


Informationen über Aufführungstermine und Tickets unter www.theatermollerhaus.de .

 
 
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