Plötzlich liegt die Waffe auf dem Tisch. Der Sohn ist erst 18 und doch schon sicher, dass er keine Chance auf eine Erwerbsbiografie hat wie sein Vater. Der ist ein müder Sozialdemokrat, der den scharfen Argumenten nichts zu begegnen hat, und auch die Mutter bescheidet sich in die stumme Dienerrolle, während der Bub von seiner Wehrsportgruppe schwadroniert und davon, dass er sich geistig mit der Großelterngeneration verbündet. Die Sache endet in einem Blutbad, in dem sogar die stille Mutter zum Maschinengewehr greifen wird.
„Frontwechsel“ heißt die Szene, die fast am Ende steht von „Furcht und Elend in Deutschland“ und mit der Franz Xaver Kroetz seinen Bilderreigen aus der Welt der Erniedrigten und Beleidigten ins Finstere wendet. Vorher hat man Dominik Lindhorst, den Darsteller des Sohnes, schon einmal gesehen, wie er es daheim beim Bombenbasteln krachen lässt, ein gefährlicher Irrer mit Hitler-Tolle, der wie ein Fernsehkoch um die Zutaten seines mörderischen Baukastens herumtänzelt.
„Furcht und Hoffnung der BRD“ hatte Kroetz 1982 die Szenen genannt, die an den unteren Rand der Gesellschaft führten. Der Titel nahm Bezug auf Brechts „Furcht und Elend des Dritten Reiches“. Diesen Szenen aus dem Terrorstaat setzte Kroetz Geschichten jener Menschen gegenüber, die mit der Arbeit ihre Würde verloren haben. Inzwischen gibt es Hartz IV, die Arbeitslosigkeit ist gesunken, das Armutsproblem trotzdem gewachsen, und Kroetz nennt sein Stück nun „Furcht und Hoffnung in Deutschland“. Mag sein, dass das eine oder andere Feindbild des Agitprop-Theaters ausgedient hat. Aber im Heidelberger Theaterkino inszeniert Cornelia Crombholz sehr konzentrierte Szenen, die zwischen Satire und abgründiger Beziehungsstudie Sprengkraft entfalten.
Da sieht man Hans Fleischmann als Willi, der beim Frühstück einem langen Tag entgegensieht, während die Untätigkeit ihn von seiner Frau entfremdet hat, die noch das Glück hat, aus dieser Ehehölle morgens in den Kaufhof fliehen zu können, was Anne Schäfer mit einer spitzen Hilflosigkeit auf die Bühne bringt. Später wird Fleischmann einen Einsamen spielen, der seinen sexuellen Fantasien nur im Gespräch mit dem Putzmopp Luft verschaffen kann und der sich selbst zum Rollbraten macht, mit Senf und Öl und getrockneten Kräutern. Und weil er nicht in den Ofen passt, setzt er sich halt auf die Herdplatte, bis der Hintern schwarz ist.
Da richtet sich die Gewalt dieser Gequälten noch gegen sich selbst, aber in Kroetzens Studien, die sich in Heidelberg auf fast drei Stunden summieren, wird die gewaltige Explosivkraft der Armut erkennbar. Crombholz gelingt es, der satirischen Schärfe und auch dem Mitgefühl angemessen Raum zu geben, sie findet starke szenische Formulierungen für die Armut und die viel größere innere Armseligkeit, und sie lässt die Menschen am Rande nicht allein.
Geisterhafte Erscheinungen streifen durch das Gehäuse, das Marcel Keller mit vielen Nischen und Türen auf die Bühne gebaut hat. Mal sind es graue Gestalten der Arbeitswelt, die mit großen Weckern ans Verrinnen der Zeit gemahnen, mal sind es Engel, die den Unglücklichen auch nicht mehr helfen können. Ein starkes Ensemble verschafft diesen stummen Schreien nach einem Lebenssinn Gestalt. Ob es Katharina Quast ist in dem Monolog einer Frau, die sich erst die Einsamkeit kleinredet und dann die Angst vor dem Knoten in der Brust, ob es Christina Rubruck und Andreas Seifert sind als altes Paar, das einen heimlichen Aufstand plant, ob Anne Schäfer im Schlafzimmer auf hohem Erregungspegel auf einen türkischen Gast einredet, bis die Lust vergeht, ob Hans Fleischmann in heilloser Verzweiflung erst den Weihnachtsbaum ohrfeigt, bevor sich die Gewalt gegen das eigene Dasein richtet: Hier gelingen Studien der inneren Verlorenheit, die den Kroetz-Text erstaunlich unverbraucht ausschauen lassen.
Informationen über Aufführungstermine und Tickets unter www.theaterheidelberg.de.
„Furcht und Elend in Deutschland“: Stummer Schrei nach Lebenssinn
Schauspiel – Das Stadttheater Heidelberg erinnert an eine Kroetz-Szenenfolge zur Arbeitslosigkeit
HEIDELBERG.
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