Bühnenbildner im Boulevardtheater zu sein, ist nur selten eine dankbare Aufgabe. Weil dort meist der Irrsinn in den Alltag einbricht, braucht man eine möglichst glaubwürdige Alltagskulisse, und man hat in der Darmstädter Komödie Tap aufgeräumte Wohnzimmer in vielerlei Variationen betrachtet. Diesmal aber möchte der Zuschauer unter keinen Umständen einziehen. Die Farben sind vergammelt, die Tapete blättert ab, man meint, den Mief riechen zu können, der durch diese Bude wehen muss. Anne Barcals Bühnenbild fängt glänzend die Tristesse des Hotels ein, das den Schauplatz abgibt für „Ein Bett voller Gäste“, die neue Produktion des Darmstädter Privattheaters, dessen Stammgäste das Stück des englischen Vielschreibers Dave Freeman aus einer Jahrzehnte zurückliegenden Aufführung kennen mögen.
Das Bühnenbild spielt mit. Hauptdarsteller sind unter anderem ein Heizkörper, der die fehlende Wärme durch koboldhafte Klopfgeräusche ausgleicht, eine Schranktür, die immer dann klemmt, wenn die Komödienmaschine erneut befeuert werden muss, und eine angedeutete Faltwand, die den Raum in zwei Hälften teilt. Und die reichen bei weitem nicht aus für die Bewohner, die sich für eine turbulente Nacht hier tummeln und das Zimmer teilen müssen – teilweise, ohne voneinander zu wissen, wobei Türen und Schränke gute Dienste leisten. Stanley und Brenda sind als junges Ehepaar in dieser Bruchbude gelandet, und in Gestalt von Benjamin Rollmann und Sandra Walter haben sie Charme und Temperament im Reisegepäck. Ihre Zimmergenossen sind ein Keksvertreter auf Seitensprüngen, den Oliver Lemki als aufgeblasenen Selbstdarsteller einführt, während Inka Schmietendorf sich als professionelle Geliebte über die Bühne schlängelt. Das könnte fast noch gut gehen, träte nicht die Ehefrau des Handelsreisenden auf, mit der ihn keine Lust mehr verbindet, sondern das gemeinsame Mau-Mau-Spiel, was Stephanie Meisenzahl hinnimmt mit dem trockenen Humor der Frau, die sich in ihrer aussichtslosen Ehe eingerichtet hat.
Freemans Stück ist nicht von der raffinierten Sorte. Es zimmert die Verwicklungen ziemlich grob zusammen, aber es bietet die Gelegenheit komödiantischer Action, die Dieter Rummels Regie genüsslich auskostet. Sie macht tüchtig Tempo und fordert von den Akteuren tatkräftigen Körpereinsatz, und das tröstet im Notfall auch mal über die letzte Pointen-Präzision hinweg. Im Verlauf zweier kurzweiliger Stunden steigerte sich die Stimmung des Publikums erheblich, am Ende gab es langen und herzlichen Beifall.
Besonders groß war die Freude über die Einsätze Dieter Rummels, der den frech-gewitzten Portier der Unglücksherberge mit breitem Darmstädter Dialekt ausstattet. Manchmal reicht schon das Wort „Dollbohrer“ aus, um eine Lachsalve zu erzeugen. Das gelingt ihm besser als Annette Schneider, die in dieser Aufführung ein Idiom spricht, das bei großzügiger Auslegung dem Alpenraum zuzuordnen ist. Aber als strenge Hotelmanagerin, die es erotisch auf ihre weiblichen Gäste abgesehen hat, macht sie eine gute Figur. Als Reisender würde man um ihr Institut trotzdem einen großen Bogen machen, es sei denn, man schätzt das gepflegte Mau-Mau-Spiel, während hinter der sehr dünnen Wand lustvoll gestöhnt wird.
Informationen über Aufführungstermine und Tickets unter www.die-komoedie-tap.de.
„Ein Bett voller Gäste“: Mau-Mau für Fortgeschrittene
Lustspiel in der Darmstädter Komödie Tap
DARMSTADT.
Dieses Thema kann nicht kommentiert werden.

Merken
|











