Vater möchte er nicht mehr genannt werden. Für einen Augenblick lässt Rainer Kühn im alten Mann, dessen Familie zerbrochen ist, die Erkenntnis des eigenen Scheiterns ahnen. Dann reißt sein Gustav Hackendahl sich wieder eisern zusammen, die undankbaren Kinder haben die Schuld an der Misere, und am Ende berlinert er seine berühmte Geschichte von der Droschkenfahrt nach Paris, ein innerlich ausgehöhlter Held, während der Pianist Frank Rosenberger von der Seite des Wiesbadener Kleinen Hauses her Schumanns Klavierminiatur „Der Dichter spricht“ spielt.
Das Stück stammt aus den „Kinderszenen“, die nicht nur musikalisch den roten Faden durch Hans Falladas „Eisernen Gustav“ ziehen. Barbara Wendlands Bühnenfassung des Romans erzählt die Geschichte von den fünf Kindern her, die unter der Härte des Familientyrannen zu Seelenkrüppeln werden. In einer gespenstischen Szene lässt Gustav, der Pferdenarr, sie mit Federbüschen paradieren wie in der Manege, aber der graue Alltag drückt sie noch mehr nieder. Als Kriegsgeneration und als Kinder dieses Vaters werden sie doppelt betrogen sein um ihre Zukunft, und wie diese Menschen sich gegen das Schicksal stemmen, ist vor allem im zweiten Teil des zweieinhalbstündigen Abends eine packende Angelegenheit.
Dabei beginnt Tilman Gerschs Inszenierung erst einmal als ziemlich undramatischer Bilderbogen. Vor einem Jahr hatte der Regisseur mit Uwe Tellkamps „Turm“ – derzeit als Gastspiel in Darmstadt zu sehen – schon einmal eine Roman-Familie auf die Bühne gebracht. Aber Barbara Wendlands Bearbeitung des Fallada-Stoffes gelangt nicht zu der dramaturgischen Konsequenz, die John von Düffel seinen Szenen eingezogen hatte. Dafür aber lenkt sie die Perspektive durchaus eigenwillig. Im Bühnenbild von Miriam Grimm wird Hackendahls Familie wie in Pferdeboxen gehalten, und heraus schlüpfen sonderbare Geschöpfe, die vom Wiesbadener Ensemble durchweg eindringlich porträtiert werden. Da ist Otto als introvertierter Außenseiter (Michael von Bennigsen), der sich seiner Liebe zur buckligen Tutti (Viola Pobitschka) schämt und seinen eigenen Sohn verleugnet, Franziska Beyer spielt Sophie als Frau, die ihre Liebesunfähigkeit erkannt hat und durch eine unerschütterliche Vernunft ersetzt, Sybille Weiser zeigt ganz kitschfrei die verhängnisvolle, masochistische Abhängigkeit Evas zu einem Zuhälter, den sie zwar blindschießt, aber nicht verlässt.
Michael Birnbaum lässt die Spielernatur Erich als großmäuligen Magier der Devisenschieberei auftreten, der ein Vermögen herbeizaubert und wieder verpuffen lässt, während seine französische Geliebte dem kleinen Bruder Heinz (Nils Krautinger) den Kopf verdreht, der dann doch zu seiner braven Irma (Magdalena Höfner) steht: Je mehr sich diese Familie atomisiert, desto schärfer beleuchtet Gersch die Szenen. In ihrer Summe ergeben sie ein Sittengemälde der Verlorenen in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, das man durchaus als Vorspiel deuten kann zur noch größeren deutschen Finsternis, in der Fallada seinen Roman geschrieben hat.
Informationen über Aufführungstermine und Tickets unter www.staatstheater-wiesbaden.de.
„Der eiserne Gustav“: Falladas Kinderszenen
Schauspiel – Rainer Kühn in Wiesbaden als hohler Familientyrann
WIESBADEN.
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