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09. Januar 2012  | Von Johannes Breckner

„Der Turm“: Süße Krankheit Gestern

Schauspiel: Das Staatstheater Wiesbaden zeigt in Darmstadt John von Düffels starkes Roman-Theater

| Vergrößern | Schmerzhafter Weg des Erwachsenwerdens: Michael von Burg in „Der Turm“. Foto: Lena Obst
DARMSTADT. 


Eigentlich hat Richard Hoffmann ein angenehmes Leben. Er ist erfolgreich als Chirurg, er hat sich mit den Verhältnissen in der DDR arrangiert, er wohnt im Dresdner Nobelviertel „Weißer Hirsch“. Und doch ist er ein unruhig Suchender, ein Mann, der seine Frau hintergeht, der keine väterliche Liebe zeigen kann und der sich von der Stasi erpressen lässt. Uwe Tellkamp zeichnete dieses Porträt in seinem Roman „Der Turm“, und Lars Wellings bringt einen melancholischen Mediziner auf die Bühne, innerlich zerrissen und doch so beherrscht, dass er nur selten seine Sehnsüchte und Ängste nach außen dringen lässt. Dass man sie trotzdem spürt, ist ein Erfolg des starken Schauspielertheaters, mit dem das Wiesbadener Ensemble nun im Kleinen Haus des Darmstädter Staatstheaters zu sehen ist.
Zum Fünfzigsten bekommt der Chirurg eine gemalte Tauwetterlandschaft, und das ist nicht der einzige Hinweis auf den politischen Wandel, der den Hintergrund dieser Familiengeschichte bildet. Aber Tilman Gerschs Wiesbadener Inszenierung zeigt sehr deutlich, dass Tellkamps „Turm“ als politisches Lehrstück missverstanden wäre. Er entfaltet die Gesellschaftsstudie eines Bürgertums, das rettungslos der „süßen Krankheit Gestern“ erlegen ist. Ariane Salzbrunns beredtes Bühnenbild lässt die Behausungen aus einer Sandwüste aufsteigen wie die Ruinen einer untergegangenen Zivilisation, Das ist ein faszinierender Rahmen für die Archäologie, die dieser Text leistet. John von Düffel, der schon die „Buddenbrooks“ erfolgreich für die Bühne bearbeitet hat, macht aus dem Tausend-Seiten-Roman ein kompaktes Theaterstück von weniger als drei Stunden, das mehr bietet als eine Nummernrevue der schönsten Episoden.
Das wirkt nur in den ersten Minuten als Geschichtslektion ein wenig spröde, bis erkennbar wird, wie beziehungsreich von Düffel die Fäden dieser Familienchronik ineinander verflochten hat. In geschickten Überblendungen fügt Gerschs Regie die Szenen geschmeidig aneinander und verliert im Wechsel von Zeiten und Orten doch nicht die konsequente Richtung der Erzählung, die ihr Zentrum vor allem in der Figur von Richards Sohn Christian hat. Michael von Burg spielt erst den spätpubertären Außenseiter, dessen Unsicherheit von den Mitschülern als Arroganz gedeutet wird, er gibt den vergeblichen Versuchen der Annäherung an den Vater anrührende Präsenz, und am Ende des Abends staunt man, wie der Schauspieler die Entwicklungsgeschichte dieser Figur geformt hat: Das Publikum am Samstag würdigte diese Leistung wie den gesamten Abend mit langem Beifall und vielen Bravos.
Das übrige Ensemble teilt sich im raschen Wechsel der Masken und Kostüme an die dreißig Rollen, aus denen sich das Zeitpanorama zusammensetzt. Doreen Nixdorf gibt der Chirurgen-Gattin große Sympathie, die zu den Seitensprüngen lange schweigt und dann eine neue Lebensrolle in der Bürgerbewegung findet, Jörg Zirnstein ist als ihr Bruder Meno der Lektor, der zwischen Autoren und Literatur-Funktionären zerrieben wird, Wolfgang Böhm macht eine angemessen fade-fiese Figur als Stasi-Offizier, Sybille Weiser brilliert als heimliche Geliebte und als Autorin mit Punk-Frisur, Benjamin Krämer-Jenster ist der Leisetreter-Lehrer, der von seinen Schülern auf den rechten FDJ-Kurs gebracht wird. Lissa Schwerm gelingt eine sehr anrührende Szene, wenn die Zärtlichkeit zwischen Christian und seiner Freundin Reina scheitert und in Gewalt umschlägt.
Das ist einer von vielen bewegenden Augenblicken, die aus einer konzentrierten Ensembleleistung entstehen. Zugleich findet die Inszenierung in der milden Überzeichnung dieser Figuren einen entlarvenden Witz. So rundet sich das Austauschgastspiel zum sehenswerten Abend, gegen den sich höchstens eines einwenden lässt. Dass Zygmunt Apostol zwischen den Szenen in wechselnden historischen Kostümen das alte Dresden symbolisiert, ist ziemlich überflüssig. Hier wirkt der satirische Zugriff nicht nur stumpf, sondern geht zurück hinter die Präzision des analytischen Zugriffs, der diese Aufführung ihre Anschaulichkeit verdankt.

Informationen über Aufführungstermine und Tickets unter www.staatstheater-darmstadt.de.

 
 
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