Ein Pfund Fleisch aus dem Körper des venezianischen Kaufmanns Antonio, nahe dem Herzen herausgeschnitten. Mord für Geld: Dies ist das Pfand des Juden Shylock. Am Ende wird der Geldverleiher weder Geld noch Genugtuung, weder Blut noch Bares kriegen. Doch in Frankfurt zeigt Michael Benthin, der den Juden Tubal spielt, zunächst mal, wie das ist, aus einem Körper Fleisch zu schneiden.
Mit mephistophelischer Akribie verstaut er den Fleischfetzen in einem Plastikbeutelchen und betrachtet ihn unter der Lupe – in jeder Zelle hebräische Schrift, sehen wir in einer Projektion. Dazu hören wir nicht Shakespeare, sondern Kafka: „Vor dem Gesetz“, die Geschichte eines eingeschüchterten Mannes, der nicht zu seinem Recht kommt.
Am Ende wird es wieder blutig. Da muss Shylock (Wolfgang Michael) seinem Glauben abschwören, was in Frankfurt damit einhergeht, dass er sich die Vorhaut wieder annäht, was seine Unterhose rot färbt. Anfang und Finale dieses Theaterabends illustrieren anschaulich die Arbeitsweise des Regisseurs Barrie Kosky, der – zusammen mit Dramaturgin Susanna Goldberg – durch Schnitte und Vernähungen eine eigene Fassung geschaffen hat. Shakespeare ist nach einer radikalen Konzeptkunstverstümmelung nur noch ein Torso.
Antonio liebt seinen Freund Bassanio hier ganz unumwunden homosexuell. Für das standesgemäße Liebeswerben seines Lovers nimmt der Kaufmann Geld auf, die Geschichte von Bassanio und seiner Portia aber ist amputiert – keine märchenhafte Prüfung, keine Enthüllung durch Verkleidung. Dafür ruht der Shakespeare-Rumpf auf Beinen von Kafka und Martin Luther, dessen Hetzschriften wider jüdische Wucherer ebenfalls Michael Benthin vorträgt. Und mit einem Arm winkt Richard Wagner, von dem Arien und Lieder auf Jiddisch erklingen.
Weg mit Haut und Haaren, Barrie Kosky will das Drama im Innersten packen, wo das Herz des Antisemitismus seit Jahrhunderten schlägt. Um die großen gedanklichen Brocken dieses Abends zu verknüpfen, zettelt die Regie auf einem kreisrunden Podest vor Klaus Grünbergs Arena-Trichter ein bizarres Cabaret an. Dazu macht das in Trioformation antretende „Contrast Quartet“ schäumend die Musik, und das Ensemble darf mehrfach zappelnd zeigen, dass man zu Jazz nun wirklich nicht tanzen kann. Der musikalische Eingriff an den langen, klaffenden Nahtstellen steigert den Wundschmerz klangvoll. Die Operation ist nicht gelungen, aber der Patient ist mit so einem Kunstfehler nicht totzukriegen.
Als Zuschauer braucht es schon eine gewisse Leidensfähigkeit, die erst nach der Pause vergolten wird, wenn Shakespeare doch noch zu seinem Recht kommt, die große Gerichtsszene ihre Wucht entfaltet. Antonio, der schon zuvor aus Liebesverlustangst in Schreckstarre verharrte, liegt nun als Shylocks Opfer bereit. Und der Jude beschwört das Gericht, es möge ihm das Recht zur Rache einräumen.
Wolfgang Michael verrät als grimmiger Alter nicht nur die Verbitterung darüber, dass Diener Gobbo und Tochter Jessica ihn verraten, dass die Christen ihn stets verachtet haben. Dieser knorrige Schauspieler kann das maßlos Böse dieser Figur ausspielen, ohne dabei ein jüdisches Zerrbild zu schaffen, weil er seiner Figur das Bewusstsein ihrer historischen Tiefe mitgibt. Eindrucksvoll beschwört dieser Shylock den Groll von Generationen.
Informationen über Aufführungstermine und Tickets unter www.schauspielfrankfurt.de.
„Der Kaufmann von Venedig“: Shylock, Luther und die Jazzer
Schauspiel in Frankfurt: Barrie Kosky operiert am Shakespeare-Torso
FRANKFURT.
Dieses Thema kann nicht kommentiert werden.

Merken
|













