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29. Dezember 2011  | Von Stefan Benz

„Das Interview“: Strategiespiel mit der Lüge

Schauspiel – Stück von Theo van Gogh im Studio des Wiesbadener Staatstheaters

| Vergrößern | Anklage statt Interview: Reporter Pierre (Michael von Burg) verbreitet beim Gespräch mit Schauspielerin Katja (Doreen Nixdorf) schleche Stimmung. Foto: Lena Obst
WIESBADEN. 


Die Film-Vorlage des Niederländers Theo van Gogh war im Jahr 2003 eine ätzende Reaktion auf die Privatfernsehwelt des Endemol-Studios in seiner Heimat und den Sturz der Regierung in Folge einer fatal gescheiterten UN-Mission im Bosnienkrieg. Jahre später auf einer deutschen Bühne fehlt dieser einst aktuelle Rahmen, das Kammerspiel des von einem Islamisten ermordeten Theo van Gogh (1957–2004) dröhnt hohl. Für seine erste Inszenierung als Regisseur in Wiesbaden strafft Dirk Schirdewahn, der erste Erfahrungen beim Darmstädter Theaterlabor sammelte, „Das Interview“ auf eine Stunde und behandelt das Stück wie eine Etüde der Affekte. Dass man ihr gebannt folgt, liegt vor allem an den großartigen Schauspielern.
Pierre Peters war Kriegsberichterstatter in Bosnien. Er hat Narben an Leib und Seele davongetragen und würde jetzt lieber über die Krise der Regierung schreiben, die er vorhergesagt hat. Stattdessen wartet er auf Filmstar Katja, deren Filme er nicht kennt, die er aber interviewen soll. Michael von Burg verbreitet vom ersten Satz an schlechte Laune. So wie er Katja anblafft, wäre jedes normale Interview nach drei Minuten zu Ende.
Theo van Gogh aber will, dass sich die beiden Medienmenschen ineinander verkeilen. Dazu bürdet der Autor seinen Figuren absurd viel Leid auf: eine Krebserkrankung und eine tote Tochter, eine vom Alkohol zerfressene Ehe und ein Vergewaltigungsdrama mit Fötus-Schändung und Selbstmordattentat, schließlich sogar einen Mord. Das ist viel zu überfrachtet, um damit psychologisch glaubwürdig umgehen zu können. Doch so wie Katja und Pierre in einem Betonbunkerappartement (Bühne: Anna Seelert) aufeinanderprallen, hat das in Wiesbaden etwas von einem Strategiespiel mit der Lüge.
Doreen Nixdorf setzt der groben Skrupellosigkeit des Journalisten einen mit Verstellungskunst und Selbstironie veredelten Sarkasmus entgegen. Pierre und Katja sind nicht nur ebenbürtig, von Burg und Nixdorf sind dabei auch vom ersten Moment an derart präsent, dass sich ihre Figuren beständig abstoßen und anziehen. Das Timing der Regie ist gut. Nach einer Stunde ist „Das Interview“ gründlich ausgereizt, die Schauspieler aber sind so prächtig auf der Rolle, dass man ihnen auch noch länger zuschauen würde.

Informationen über Aufführungstermine und Tickets unter www.staatstheater-wiesbaden.de.

 
 
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