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06. Februar 2012  | Von Stefan Benz

„Biedermann und die Brandtstifter“: Feigheit vor dem Terror

Schauspiel – Max Frischs Drama in Mainz

MAINZ. 

Das Dilemma des Haarwasserfabrikanten Gottlieb Biedermann ist offensichtlich: So groß seine Angst vor Brandstiftern ist, gewährt er ihnen doch Gastrecht, lässt sie Benzinfässer auf den Speicher rollen und macht sich sogar zum Handlanger ihrer Anschläge. Max Frischs Parabel aus den Fünfzigern ist so reflexfrei durchschaubar, dass es schnell öde werden kann: die Karikatur des Kleinbürgers, der sich die Feinde seiner Ordnung ins Haus holt.
Bühnenbildnerin Ines Alda verleiht Biedermanns Blindheit im Kleinen Haus des Mainzer Staatstheaters ästhetische Form. Auf einem Podium sitzt der Hausherr in seinem Sessel, im Fernseher neben ihm sieht man als Endlosschleife, wie Mobiliar explodiert, und eine mächtige Videowand im Hintergrund zeigt als bewegtes Tableau in Superzeitlupe Bilder einer Sprengung. Am Ende stürzt Biedermanns Welt effektvoll ein. Frischs alte Botschaft gewinnt dabei eine visuelle Bannkraft, und die Regie kann sich auf andere Aspekte des Stücks konzentrieren.
Marcus Mislin, der in Mainz seit Jahren auch fürs Weihnachtsstück zuständig ist, testet erfolgreich den Unterhaltungswert der Typenkomödie, die in Frischs Schauspiel steckt. Biedermann, der bloß nicht als Spießer gelten will, ist ein rücksichtsloser Geschäftsmann, der bloß nicht als hartherzig gelten will. Das macht ihn moralisch manipulierbar, deshalb biedert er sich bei seinen ungebetenen Gästen an. Gregor Trakis führt vor, wie Feigheit zur Selbsttäuschung führt.
Verena Bukal gibt Frau Biedermann begriffsstutzig und schreckhaft. Stefan Walz ist als Ringer Schmitz mit Unterhemd und Hosenträgern ein proletarischer Lebemann, während Karoline Reinke seinen terroristischen Komplizen Eisenring mit Smoking und Fliege wie einen diabolischen Vamp aus dem Stummfilm anlegt. Der wuchtige Lorenz Klee sorgt als Dienstmädchen mit Servierschürze für eine trippelnd-trampelnde Travestie.
Zwischen den Szenen grollt Tom Waits aus dem Off zu pumpendem Beat „Hell broke Luce“, was auf den sonst meist gekappten Schluss in der Hölle hinweist. In Mainz zeigen sie das Nachspiel, dafür ist der Chor der Feuerwehrleute gestrichen. Es ist ein geschickter Zugriff, der dem geheimnislosen Stoff wieder einen Reiz zu entlocken vermag: Aus der papierenen Parabel schält sich in Mainz ein politisches Psychogramm, das zeigt, was passieren kann, wenn Eitelkeit und schlechtes Gewissen auf mangelnde Zivilcourage treffen.

Informationen über Aufführungstermine und Tickets unter www.staatstheater-mainz.de.

 
 
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