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14. Oktober 2010  | Von Christian Knatz

Große Gesten zu tiefen Gefühlen

Ausblick: In der Orangerie wird »Berenice und Lucilla« des Darmstädter Hofkomponisten Christoph Graupner aufgeführt

| Vergrößern | Auf die Bewegung kommt es an: Sigrid T’Hooft (rechts) mit Sängerin Bettina Ranch bei einer Probe zu Graupners „Berenice und Lucilla“. Foto: Günther Jockel
DARMSTADT. 


Und aus dieser Chose kommen alle heil wieder heraus? Klar, sagt Regisseurin Sigrid T'Hooft, »in solchen Opern gibt es immer ein lieto fine.« Ein Happy End also steht am Ende eines vor Konflikten nur so strotzenden Stücks, das in Darmstadt den Staub des Archivs abschütteln soll. Am 29. Oktober (Freitag) soll ab 19.30 Uhr in der Darmstädter Orangerie »Berenice und Lucilla«, eine von drei erhaltenen Opern des vor 250 Jahren gestorbenen hiesigen Hofkapellmeisters Christoph Graupner, zum ersten Mal seit der Barockzeit wieder aufgeführt werden.

Für diesen Höhepunkt des Graupner-Jahres haben sich die »Darmstädter Residenzfestspiele«, der Konzertchor Darmstadt und die Darmstädter Christoph-Graupner-Gesellschaft zusammengetan. Neben Dirigent Wolfgang Seeliger trägt die in Gent lebende Belgierin T'Hooft die Verantwortung für ein Projekt, das in vielerlei Hinsicht spannend zu werden verspricht.

Das fängt an bei der Handlung, die Osiander zu einem Libretto gefügt hat: Der römische Kaiser Lucius Verus (gesungen von David Pichlmaier) will die aus dem Reich der besiegten Parther geraubte Berenice (Petra van der Mieden) heiraten. Dabei ist er Lucilla (Bettina Ranch), Tochter seines Vorgängers Marc Aurel versprochen, die Begehrte aber dem Partherkönig Vologesus (Jean-Pierre Ouellet). Letzterer schleicht sich ein in den Kaiserpalast, wird aber festgenommen; immerhin bleibt seine Verlobte standhaft. Lucilla wiederum zettelt einen Aufstand gegen den Untreuen Lucius Verus an, und endlich kommt dieser zur Raison: Er heiratet Lucilla, Berenice bekommt Vologesus.

Kaiser, Parther, Hofintrigen - das klingt nach längst vergangenen Zeiten und soll in Darmstadt auch nicht mit Macht auf modern getrimmt werden. Warum auch? Für Sigrid T'Hooft geht es in »Berenice und Lucilla« um ein ewig aktuelles Thema. »Es ist eine Oper über Macht und Tugend und wie man damit umgeht«, sagt sie. »Die Leidenschaften sind immer die gleichen: Liebe, Zweifel, Hoffnung.« Dass es Frauen sind, die alles ins Lot bringen, ist der Regisseurin und Choreografin erkennbar sympathisch. Dass das Ganze ein über Bande gespieltes Herrscherlob war, sei hinzunehmen bei einem Stück aus der Feudalzeit. Seine Fehler und zeitweilige Verblendung macht den Kaiser erst sympathisch: »Am Ende hat er sich im Griff, er macht alles heil, und das macht ihn noch größer.«

Für T'Hooft war das auch die Botschaft in der Graupner-Zeit: Alles wird gut, jeder bleibt auch seinem Platz in der Hierarchie. In diesem historischen Bild will sich auch die Darmstädter Inszenierung bewegen. Hier werden keine Jeans getragen, sondern Kostüme im Stil der Zeit um 1700, die T'Hooft zusammen mit der Frankfurterin Margarete Berghoff ausgewählt hat. Männer tragen Rock zur Hose, Frauen Reifrock, und auch die Bühne soll, soweit das in der Orangerie möglich ist, das Publikum um genau 300 Jahre zurückversetzen; 1710, zu Beginn von Graupners langer Zeit in Darmstadt, war die Oper für eine Karnevalssaison entstanden.

Hinter einer Art Rahmen, der die Mechanik abdeckt, läuft die Bühne V-förmig zusammen; auf die Rückwand werden den barocken Vorbildern verpflichtete Ambiente projiziert: ein Saal des Kaiserpalasts, ein Garten, ein Gefängnis, aber auch Meer und Feldlager. An der Rampe beleuchten Kerzen die Szenerie. Birnen hinter den Kulissen erhellen das Geschehen.

Dabei setzt Sigrid T'Hooft auf Stilmittel von anno dazumal. Kein Wunder, das ist seit Jahrzehnten ihr großes Thema. Die studierte Musikwissenschaftlerin, die auch eine klassische Ballettausbildung absolviert hat, hat sich früh auf Tanzmusik aus Renaissance und Barock spezialisiert. »Ich wollte immer Alte Musik mit Bewegung verbinden«, sagt sie. An der Leipziger Musikhochschule lehrt T'Hooft historische Gestik. Das Wissen um historische Aufführungspraxis habe mit Originalklang-Beschwörung bislang nur für die Ohren etwas gebracht. »Ich will auch den Augen etwas in dieser Richtung bieten.«

Wie das aussieht, wird »Berenice und Lucilla« den Darmstädtern vorführen. Die Bühnen-Personen bewegen sich eben nicht natürlich, sondern übersetzen ihre Befindlichkeiten, ehedem Affekte genannt, direkt in Gesten, die heute tatsächlich affektiert wirken. »Die Sänger sprechen mit den Händen«, nennt es die Regisseurin.

Sigrid T'Hooft zieht Parallelen zur Künstlichkeit des japanischen Kabuki-Theaters und zum Verfremdungseffekt eines Bertolt Brecht, der das Publikum merken ließ, dass es etwas vorgespielt bekommt. »Trotzdem ist es sehr emotional«, sagt T'Hooft und meint auch die Musik.

Für die sieben Sänger, den sparsam eingesetzten Chor und die auf historischen Instrumenten spielende »Darmstädter Hofkapelle« hat Graupner eine drei Stunden dauernde abwechslungsreiche Abfolge zu bieten. Die überwiegend italienischen Arien werden an der Rampe gesungen. Dass es keine Übertitelung gebe, sei zu verschmerzen, sagt die Regisseurin. »Die Handlung kommt durch die Rezitative voran, und die sind deutsch.« Das habe Graupner auch deutlich besser gekonnt als Italienisch; in den Arien habe er den Text oft ziemlich unglücklich in Töne gesetzt.

Überhaupt sei Graupner eben nicht Bach gewesen; er habe Abseitiges auch ohne tieferen Sinn eingebaut. Bei manchen Harmoniefolgen etwa denke man: »Mein Gott, was macht er denn jetzt?«, sagt Sigrid T'Hooft.

Für sie ist das noch lange kein Grund, diese Oper weitere 300 Jahre zu ignorieren. Die Frau, die als nächstes Mozarts »Cosí fan tutte« in Schweden inszeniert, legt ein gutes Wort für einen guten Komponisten aus Darmstadt ein: »Es wäre wirklich schade um diese tolle Musik und dieses tolle Stück.«
Vor der Premiere

Karten im Vorverkauf für die Aufführung der Graupner-Oper am 29. Oktober (Freitag) ab 19.30 Uhr in der Darmstädter Orangerie gibt es unter anderem im Darmstadt-Shop des Luisencenters (06151 20400). Die Veranstalter suchen noch zwei männliche Statisten für Soldaten-Rollen; Bewerber (06151 293929) sollten zwischen 1,80 und 1,85 Meter groß sein.


 
 
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