Sicher, die Musik von Franz Lehárs „Lustiger Witwe“ ist zeitlos schön, ist schwungvoll bis herzergreifend schmalzig. Aber dann die Szenerie! All der überfeinerte Pomp der siechen k.u.k.-Monarchie mit seinen goldbrokatüberwucherten Uniformen, seinem dekadenten Gehabe und seiner verquälten Erotik! Wie soll man das nur einigermaßen frisch auf eine Bühne des 21. Jahrhunderts bringen? Ganz einfach, sagt Regisseur Chas Rader-Shieber: „Wenn eine gute Story erzählt wird, funktioniert es doch.“
Eine gute Story steckt tatsächlich drin, findet der jugendlich wirkende Fünfzigjährige, ein freier Opern-Regisseur mit Wohnsitz in Philadelphia, dessen Augen im Gespräch immer wieder gewitzt durch seine massige schwarze Hornbrille funkeln. Seit sieben Wochen arbeitet er vor Ort an einer neuen Witwen-Inszenierung für das Darmstädter Staatstheater. Die Story, die er dort erzählen will, ist weit weg von der Nostalgie manch anderer Inszenierung: „Es geht doch vor allem um zwei junge Leute, die einen Weg zueinander finden wollen, um eine gemeinsame Zukunft zu haben.“ Stimmt eigentlich; so kann man die junge Witwe Hanna und ihren schneidigen Danilo ja auch sehen.
„Die Lustige Witwe“ hat am Freitag (23.) um 19.30 Uhr
Premiere am Staatstheater, Dauer: etwa 2.40 Stunden mit Pause.
Die nächsten Vorstellungen sind am 25. um 18 Uhr, am 31. um 19 Uhr.
Eine „sehr vitale Geschichte“, findet Rader-Shieber; entsprechend jung wünschte er sich die Besetzung. Anders als in Produktionen, in denen schon mal recht reife Witwen zwischen den röckelüpfenden Grisetten auftreten. Er bekam in Darmstadt genau, was er wollte: „Es ist großartig, dass wir mit der Intendanz von Anfang an auf einer Linie waren“. Auch beim musikalischen Leiter, dem Dirigenten Witolf Werner, spüre er „die gleiche Energie“ im Umgang mit dem Material. Anders als an anderen Häusern, „wo man als Gastregisseur den Maestro gar nicht zu sehen bekommt“.
Der US-Amerikaner hatte das Glück, von Kindesbeinen an mit klassischer Musik, mit Oper und Operette in Berührung zu kommen. Seine kunstsinnigen Eltern, erzählt er, hätten die drei Brüder oft zu den Konzert des heimischen St. Louis Orchestra mitgenommen. Eine Erfahrung, die prägend gewesen sei. Der Besuch eines „Double Features“ mit Einaktern von Mozart und Gian Carlo Menotti habe ihn schließlich mit dem Opernvirus infiziert.
Rader-Shieber ist vor allem für seine Inszenierungen von Mozart- und Händel-Opern bekannt. Aber die „Witwe“ ist nicht sein erster Ausflug in die Welt der Wiener Operette. Die gar nicht so selten in den USA gespielt werde, sagt er. Die „Fledermaus“ und die „Witwe“ würden immer wieder in prachtvollen Tournee-Produktionen aufgeführt, mit massiven Chören und reichlich Kostümzauber.
Er selbst bevorzuge „eine etwas intimere Atmosphäre zwischen Publikum und Darstellern“. Zudem will er das Stück etwas vom Staub der Zeit befreien. „Wir wollten keine museale Inszenierung“, sagt er, „sondern eine frische“. Wohl aber eine, „die die Zeit der Entstehung respektiert“ – ohne ihr ein zu starkes Gewicht zu geben. „Eine Art Fantasie über diese Zeit und Welt“, denn etwas Fantastik stecke in Lehárs luftiger Lustspiel-Vertonung allemal drin.

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