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01. November 2010  | Von Christian Knatz

Der Hass kommt aus dem Handgelenk

Barockoper: »Berenice und Lucilla« im alten Stil markiert in Darmstadt den Höhepunkt des Graupner-Jahrs

| Vergrößern | Berenice und Lucilla in der Darmstädter Orangerie. Szene mit David Pichlmaier (links) als Lucius Verus und Richard Logiewa als Claudius. Foto: Günther Jockel
DARMSTADT. 


Das soll ein Liebespaar sein? Ihre Beteuerungen und Schwüre tauschen die beiden nicht von Angesicht zu Angesicht aus; es ist das Publikum in der Darmstädter Orangerie, an das sich Berenice und Vologesus wenden. Sie sind Hauptpersonen in Christoph Graupners Barockoper »Berenice und Lucilla«, deren Aufführung den Höhepunkt des Gedenkjahrs für den vor 250 Jahren in Darmstadt gestorbenen Hofkomponisten markiert.

Im vollbesetzten Saal gibt es viel Applaus und viele Bravos, die nicht nur die überzeugenden Sänger und Instrumentalisten auf sich beziehen dürfen. Sigrid T'Hooft heißt die Frau, die eine historische Inszenierung auf den Punkt bringt und damit ein sinnliches wie exotisches Vergnügen im schwer zu bespielenden Raum bereitet.

Die von Corina Krisztian-Klenk geschaffene Bühne dort ist auf fast geniale Art einfach: Eine Art Bilderrahmen mit flankierenden korinthischen Säulen-Reliefs gibt den Blick frei auf die Tiefenstaffelung der Kulisse. Der Blick wird gelenkt auf wechselnde Projektionen; mal ist barocke Architektur, mal ein Verlies zu sehen. Zur Beleuchtung tragen Kerzen an der Rampe bei, die aber nur für Zuschauer in den vorderen Reihen sichtbar sind. Zwei Stühle nach Bedarf, das ist dann schon alles.

Vor diesem Hintergrund spielt eine kleine Sängerschar die Geschichte des römischen Kaisers Lucius Verus vor, der die Frau des von ihm besiegten Partherkönigs Vologesus haben will, aber nicht kriegt und erst durch einen von seiner Verlobten Lucilla angezettelten Aufstand zur Vernunft kommt. Das klingt, lässt man Römer, Parther und Aufstand mal beiseite, nach einem ewig aktuellen Beziehungsstück.

Es sieht aber nicht so aus. Die Darsteller fallen nicht nur durch weiß geschminkte Gesichter, prachtvolle Kostüm-Antiquitäten oder ausladenden Kopfputz auf. Sie geben sich auch alles andere als natürlich. Jeder Gefühlsregung war im barocken Schauspiel Haltung und Gestus zugeordnet, und die Belgierin T'Hooft hat diesen von ihr so genannten »körperlichen Bewegungscode« mit ihren Sängern einstudiert.

Als hölzern und ohne Reiz kann das Ergebnis nur derjenige werten, der erwartet, dass auf einer Bühne so getan wird, als sei man im richtigen Leben. Aber so funktioniert das exakt 300 Jahre alte, von der Christoph-Graupner-Gesellschaft aufbereitete Stück nicht. In der Orangerie funktioniert es, weil man sich schnell einfinden kann in die elaborierte Gebärdensprache von Figuren, die sich durchweg in Pose werfen. Die Spannung bleibt bis zum Hopplahopp-Happy-End sogar im praktisch handlungsfreien zweiten Akt gewahrt.

Berenice weist den Kaiser zurück: Ob in deutschem Rezitativ oder in italienischer Arie - ihre abwehrende Geste sagt alles. Der Kaiser, fleischgewordene Empörung, die Hand in der Hüfte, hat verstanden. Wer etwas erklärt, reckt den Zeigefinger nach oben, wer anordnet, senkt ihn. Lucius Verus singt vom Ruhm, »den meine Faust erstritt« und ballt - na klar - die Faust dazu.
Körper- und Tonsprache seiner Wutarie machen auch im Jahr 2010 sehr deutlich, wie Lucillas Vertrauter Claudius gerade drauf ist. Berenice und Vologesus wiederum glaubt man ihre Liebe, obwohl sie sich erst am Schluss - auch noch auf Betreiben des wilden Kaisers - dezent berühren. Die Leidenschaft einer solchen Inszenierung steckt in den Fingerspitzen, der Hass kommt aus dem Handgelenk.

Die Fülle der Ausdrucksmittel entspricht derjenigen der Musik. Mitunter klingt der junge Graupner wie Händel, was keine schlechte Referenz für eine Barockoper ist. Zahllose eigenwillige Fortschreitungen kennzeichnen indes die Handschrift eines Eigenwilligen. Das ist immer wieder bizarr, oft bildhaft, nie aber langweilig.

Wolfgang Seeliger, Impulsgeber des Projekts, an dem sein Konzertchor und seine Residenzfestspiele maßgeblichen Anteil haben, nimmt Kühnheit und Schwung dieser Musik auf. Er stellt mit seiner beherzten »Darmstädter Hofkapelle« der Zeichensprache der Sänger sprechendes Instrumentalspiel zur Seite - je nachdem federnd leicht, aggressiv oder zum Erbarmen tragisch. Dass gerade im Continuo gegen Ende aller drei Akte die Intonation nachlässt, liegt auch an einer weiteren barocken Eigentümlichkeit: Es dauert seine Zeit, in diesem Fall einschließlich zweier Pausen dreieinhalb Stunden.

Nichts davon ist vertan, daran haben die jungen Sänger den größten Anteil. Sie führen die Reize für Auge und Ohr zusammen. Bettina Ranch hat als Lucilla den dankbarsten Part; ihre von Kampf-Koloraturen geprägten Rache-Arien sind allein den Eintrittspreis wert, so lebendig und mit unaufdringlichem Nachdruck sie damit Lucius Verus in Grund und Boden singt. David Pichlmaier gibt einen jungenhaften Kaiser auf der Kippe, der selbst im Aufbrausen für sich einnimmt. Sein ergebnisloses Frauen-Feilschen mit Vologesus (Jean-Pierre Ouellet: nicht sehr laut, aber mit angenehmer Stimme) ist sehens- und hörenswert.

Petra van der Mieden schafft als Berenice mit Sanftheit einen reizvollen Kontrast zu ihrer aufgebrezelten Erscheinung und zur kapriziösen Lucilla. Ihre Frische verbindet sie mit Christian Rathgeber (Anicetus) und Richard Logiewa (Claudius); letzterer hätte zuweilen als Zorniger noch etwas mehr aus sich herausgehen dürfen. Burkhard Hildebrandt vermeidet es geschickt, die burleske Figur des Nisus zu überspielen.

Bald hat man sie alle miteinander liebgewonnen. Je klarer ihre Zeichen der Zeit zu erkennen sind, desto klarer wird auch, wieviel Potenzial in so einem Werk steckt, wenn es konsequent im Stil des Barock gezeigt wird. Das einzig Missliche ist, dass »Berenice und Lucilla« ein einmaliges Vergnügen ist. Die enormen Kosten der Produktion lassen befürchten, dass nur alle Jubeljahre Vergleichbares geboten wird. Mindestens dafür gibt der Erfolg dieses Unternehmens einen klaren Auftrag.


 
 
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