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06. Februar 2012  | Von Johannes Breckner

„Woyzeck“: Requiem in der Musicalfassung von Tom Waits

Premiere – Das Staatstheater Darmstadt zeigt Büchners Drama in der Musicalfassung von Waits und Wilson

| Vergrößern | Vor dem Tod noch ein Duett: Maika Troscheit als Marie, Simon Köslich als Woyzeck in der neuen Darmstädter Büchner-Inszenierung. Foto: Barbara Aumüller
DARMSTADT. 

Eigentlich müsste der Mann ja Glück haben. Die Kupfermünzen, mit denen der Zirkus-Ausrufer (Aart Veder) sein Vorzeigeobjekt Woyzeck bewirft, bleiben wundersam am Drillich hängen. Aber er staunt nur und trabt bald wieder los, zieht im Laufschritt seine Kreise um das manegenähnliche Bühnenbild, mal wie ein geduldiger Zirkusgaul, dann wieder wie getrieben von einer unbestimmten Angst. Wahnvorstellungen werden die Unruhe eher nicht bewirken bei dem hellsichtigen Woyzeck, den Simon Köslich im Darmstädter Kleinen Haus spielt: ein Mann, der sich abrackert, ein wacher und verletzlicher Mensch, der seine reichlich bizarre Umgebung witternd aufnimmt und der sein längst vergangenes Glück mit Marie in zarte Melodien kleidet, was Köslich mit seelenvoller Stimme gelingt.
Woyzeck singt. Um das zu erleben, musste man in Darmstadt bisher Alban Bergs Büchner-Oper hören. Nun hat das Schauspiel für seine zweite Produktion zu den Büchner-Gedenkjahren (nach der Salvatore-Lesung „Büchners Tod“ am Abend zuvor) jene Woyzeck-Fassung gewählt, die der Regisseur Robert Wilson mit dem Musiker Tom Waits und zu Songtexten von Kathleen Brennan im Jahr 2000 herausgebracht hatte. Die Geschichte des entrechteten Soldaten, der am Rande der Gesellschaft existiert, sich mit erniedrigenden Tätigkeiten ein paar Groschen verdient und in der Not seiner Eifersucht die Geliebte Marie tötet und mit ihr die Hoffnung auf ein besseres Leben, wird mit Songs, Chören und einer kraftvoll rumpelnden Orchestermusik zum Musical gemacht. Das gelingt in diesem Fall ganz ausgezeichnet, weil Michael Erhard mit einem kleinen Orchester die vielen Stimmungs-Facetten dieser Komposition glänzend ausleuchtet. Das klingt mal nach Weill und mal nach Kirmes.
Dabei treibt die Musik gegenläufige dramatische Bewegungen an – zum einen sprengt sie die Szenen noch weiter auseinander, während Woyzeck-Inszenierungen sonst eher bemüht sind, die fragmentarische Überlieferung mit einem erzählerischen Faden zusammenzuflicken. Zugleich aber sind die Teile eingebettet in den musikalischen Ablauf, der aus ihnen wieder eine Einheit formt. Im Eingangschor „Misery’s the River of the World“ wird der Elendsfluss besungen, der diese Welt durchzieht; am Ende schlägt die Musik den Ton des Requiems an. Das geht mal grell und ruppig ins Ohr und dann wieder so kitschig-sentimental, wie man es dieser finsteren Geschichte eigentlich nicht wünschen würde. Es ist nur schade, dass die herzhaft unkultivierte Interpretationsweise, die manche der Songs verlangen, der Textverständlichkeit nicht gerade entgegenkommt.
Puristische Büchner-Kenner mögen die Nase rümpfen, aber in Darmstadt rechtfertigt das Ergebnis den Aufwand, zumal Malte Kreutzfeldts Inszenierung erfolgreich darum bemüht ist, in achtzig kompakten Minuten keine kulinarische Gefälligkeit einziehen zu lassen. Im Gegenteil rettet sie mit ihrem scharfen Blick viel von der verstörenden Kraft, die sich bei Büchner vor allem durch die expressive Sprache mitteilt; vom Publikum gab es dafür nach der Premiere am Samstag kräftigen Beifall. Der Text ist sehr passgenau in die Musik verzahnt, und aus dem Reigen von Typen, die im Inneren des beweglichen, Einblicke öffnenden und schließenden Mauerrings (Bühnenbild: Nikolaus Porz) auf ihren Einsatz warten, entwickelt sich eine bizarre Welt, in der Woyzeck schon durch sein auffallend alltägliches Wesen zum Außenseiter wird; selbst Kamerad Andres erscheint bei István Vincze als gespenstisch überzeichnete Gestalt. Die innere Not der Menschen kommt freilich nicht recht zum Vorschein, nicht einmal bei der Marie von Maika Troscheit, die durch Verletzungen längst stumpf geworden scheint. Aber auch das passt zu einem Blick auf das Stück, der die Charaktere wie bunt angemalte Figuren eines mechanischen Welttheaters am Zuschauer vorbeiziehen lässt.
Uwe Zerwers Doktor ist mit seinen Menschenversuchen ein mieser Grusel-Mediziner, Hubert Schlemmer gibt dem Hauptmann die angemessen hohlen Töne, als Tambourmajor schiebt Andreas Manz feistes Selbstbewusstsein über die Bühne, Matthias Kleinert erzählt in der Narrenrolle zu Beginn des Abends auch das dunkle Märchen vom einsamen Kind, das hier am Ende wieder aufgegriffen wird. Dass in dieser Geschichte kein Schimmer der Hoffnung steckt, wird auch von der Musik nicht überspielt. Mit der Rolle der verdoppelten Nachbarin – Sonja Mustoff und Margit Schulte-Tigges keifen boshaft um die Wette – zieht sogar ein böser Humor in den sehenswerten Abend ein.

Informationen über Aufführungstermine und Tickets unter www.staatstheater-darmstadt.de.

 
 
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