Die Rockoper „Tommy“ kommt im Frankfurter English Theatre daher wie ein Stück Trümmerliteratur. Rauch aus der Kulisse, Bomben und Feuer auf Video, Ruinen links und rechts. Als hätte „The Who“ Wolfgang Borchert vertont. Und tatsächlich liegt das Unglück des taubstummblinden Knaben Tommy ja begründet in einem Kriegsheimkehrerdrama wie „Draußen vor der Tür“: Der für tot erklärte britische Bomberpilot Captain Walker kommt nach dem Krieg unangekündigt heim, findet Frau und Kind zusammen mit einem neuen Mann, den er im Streit erschießt. „Du hast nichts gesehen“, beschwören die Eltern ihren Jungen, was der sich derart zu Herzen nimmt, dass er fortan nichts mehr sieht, sagt, hört.
Auf ihrem Konzept-Doppelalbum hatten Pete Townshend und Kollegen 1969 die Qualen der Verkapselung und die wundersame Erweckung des traumatisierten Tommy besungen. Kujoniert vom Cousin, avanciert der Knabe in einer Spielhalle am Flipper zum „Pinball Wizard“, und nach einem Streit mit seiner Mutter erwacht er aus seiner Umnachtung, was ihn zum neuen Messias werden lässt. Ken Russell hat das 1975 verfilmt, 1993 kam der Stoff auf die Bühne. Des McAnuffs aufwendige Broadway-Inszenierung war Mitte der Neunziger für ein Jahr in Offenbach zu sehen, wo damals der Versuch scheiterte, einen neuen Musicalstandort zu etablieren.
Die Frankfurter Inszenierung von Ryan McBride ist kleiner, wendiger und von weniger Ambitionen beschwert. Das macht den Erfolg vielleicht etwas leichter, aber keineswegs bescheidener. Dafür sorgt schon die von Thomas Lorey geleitete Band, die hinter den Kulissen mächtig Druck macht, den Sound von „The Who“ angemessen ruppig und schrundig gestaltet. Die 13 Darsteller, die sich 67 Rollen teilen, sorgen gesanglich dafür, dass Klassiker wie „Acid Queen“, „I’m free“ und „We’re not gonna take it“ erfreulich frisch klingen. Und weil die Songs nur mit wenigen Rezitativen verbunden sind, rockt es hier wie aus einem Guss.
Herausragend agieren an diesem Abend Giovanni Spanó als fieser Vetter und Leo Miles als erwachsener Tommy, der erst erstaunt, dann erschreckt in die Welt blickt, als er die Maske ohne Augen, Mund und Nase abnimmt und sieht, wie verblendet seine jubelnden Anhänger sind. Nicht für Medienterror und Konsum, sondern für eine offenbar rechtsnationale Ideologie wird der Titelheld eingespannt.
Die Frankfurter Fassung unterscheidet sich nicht nur in diesem Aspekt vom Broadway-Vorbild. Was einst in Offenbach mit filmschnittartigen Übergängen visuell überzeugte, gelingt auf der recht engen Frankfurter Bühne durch das verdichtete Zusammenwirken von Lichteffekten, Videoeinspielungen und sparsamen choreografischen Einlagen. Wie in einer Geisterbahn flimmert britische Geschichte vorbei, flammen Bilder aus einem Land auf, das 1945 aus Trümmern erwacht und wo am Ende der Sechziger neue Mauern eingerissen werden müssen. Als Tommy sich von seinen Anhängern lossagt, sind einstürzende Hochhäuser zu sehen. Doch in diesem Abbruch liegt kein Aufbruch.
Tommys Befreiung ist kein glückliches Ende vergönnt, was wiederum eine glückliche Fügung der Regie für diese finster funkelnde Show ist. Was fest historisch eingebettet zu sein scheint, erweist sich am Schluss auch als aktueller Kommentar, als Abgesang auf das Scheitern der 68er zu Musik von „The Who“.
Informationen über Aufführungstermine und Tickets unter www.english-theatre.org.
„Tommy“: Erst blind, dann verblendet
Rockoper: Messias aus Trümmern
FRANKFURT.
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