„Simon Boccanegra“ gehörte nicht zu Verdis erfolgreichen Stücken. Beinahe hätte der Komponist schon resigniert ob des Misserfolgs seiner Oper im Jahr 1857. Mit Hilfe seines bewährten Librettisten Arrigo Boito aber hat er den Stoff 20 Jahre später überarbeitet und – wenn auch nicht für seine Zeitgenossen, so doch für die Nachwelt – gerettet. In Wiesbaden hat Dietrich Hilsdorf das „melodramma“ um den ligurischen Korsaren in drei sehr gegensätzlichen Bildern als Historiendrama angelegt – von Renate Schmitzer eingekleidet in Kostüme aus der Zeit des Risorgimento. Derart verkleidet, entspinnt sich eine weitverzweigte Geschichte, die den Weg des Seebären nachzeichnet, der in der Republik Genua in die immerwährenden Auseinandersetzungen zwischen Guelfen und Ghibellinen verstrickt wird.
Das erste Bild zeigt vor geschlossenem Vorhang den Beginn einer unseligen Liaison, den Pakt zwischen dem Korsaren und dem Höfling Paolo, der aus dem verwegenen Seefahrer den ersten Dogen der Stadt machen wird. Man erfährt zudem die Gründe für den unversöhnlichen Streit zwischen Jacobo Fiesco und Boccanegra. Fiescos Tochter Maria und Boccanegra lieben sich, haben eine kleine Tochter, aber in Fiescos düsterem Palast stirbt Maria, und die kleine Tochter verschwindet mysteriös.
Nach einer frühen Pause nimmt die Oper, nun in üppigem Bühnenraum, den Faden wieder auf: 25 Jahre sind vergangen, Boccanegra, in Amt und Würden ergraut, findet vor der Stadt seine verschollen geglaubte Tochter Amelia (Maria). Umgeben von mächtigen Mauern hat Dieter Richter hier eine Einsiedelei aufgebaut, und nicht minder realistisch ist der Blick in den weitläufigen Ratssaal, in dem sich dann Adlige und Volk der Stadt zu einem üppigen Tableau finden.
In dieser Szene hat Verdi seinen „Boccanegra“ neu erfunden. Er lässt ihn pathetische Worte an die Bürger richten, Gedanken, die er Briefen Petrarcas entnommen hat. In Schreiben an die Städte Venedig und Genua hatte der Dichter und Humanist nichts weniger als die Einheit Italiens gefordert – im Jahr 1339! Klar, dass dieses Detail Verdi begeistern musste, der immer für die Unabhängigkeit seines Landes eintrat. Brüderlichkeit und Liebe als Vorbedingung für Einigkeit und Frieden propagiert nun der Doge, aber seine Worte verhallen. Das nicht eben versöhnliche Finale spielt sich dann auf leerer Bühne ab – dort treffen sich Fiesco und Boccanegra zum Disput, der Doge wird von Paolo vergiftet, seine Tochter aber wird ihren Gabriele heiraten, den Nachfolger Boccanegras. Schon blitzen wieder die Schwerter.
In diesem Ränkespiel steht Kiril Manolov als Korsar fest wie ein Fels. Der üppige Bariton agiert vielleicht ein wenig statuarisch, singt seinen Part aber mit viel Seele. Weit unversöhnlicher, ja nachtschwarz klingt der Fiesco des Luciano Batinic, ein Bass, der Hass und Abneigung förmlich ausspuckt. Nicht eben auf Sympathie angelegt sind auch die beiden Verschwörer, der aalglatte, graue Paolo (Thomas de Vries) und der windige Pietro (Hye-Soo Sonn). Den Gabriele Adorno gibt Felipe Rojas Velozo temperamentvoll, zuweilen wirkt der schneidige Offizier ein wenig forciert, flackert sein Tenor. Ziel seiner Ambitionen ist Boccanegras Tochter, der Tatiana Plotnikova eine anmutige Stimme leiht mit sacht eingesetztem, bemerkenswert samtenem Sopran.
Nicht eben leicht ist die Aufgabe des Orchesters, das hier mächtig auftrumpfen, dort mit subtilem Einsatz nur einzelner Instrumente achtsam begleiten soll. Hier und da hätte man sich einen süffigeren Klang gewünscht und weniger Wackler in den Soli, aber in Gänze macht das Orchester unter der Leitung von Marc Piollet eine gute Figur.
Informationen über Aufführungstermine und Tickets unter www.staatstheater-wiesbaden.de.
„Simon Boccanegra“: Fest wie ein Fels
Oper – Dietrich Hilsdorf inszeniert in Wiesbaden
WIESBADEN.
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