„Jago” sollte das Werk eigentlich heißen. So hatte es der 70 Jahre alte Verdi überlegt, als er die „Otello”-Bearbeitung des Dichter-Musikers Arrigo Boito erstmals in Händen hielt. Und so wäre es auch passend gewesen. Jago, der Shakespeare-Bösewicht, überstrahlt in seiner Kompromiss- und Maßlosigkeit alle anderen Charaktere, den Titelhelden eingeschlossen. Die jüngste Premiere an der Frankfurter Oper hätte Verdis Umbenennung auf eindrucksvolle Weise bestätigt: Der italienische Bariton Marco Vratogna liefert einen wahrhaft dämonischen Jago ab, darstellerisch und musikalisch auf höchstem Niveau. Der Nihilist triumphiert auf ganzer Linie.
Wie der Kopf einer paramilitärischen Truppe tritt Jago auf. Cargo-Hose und Springerstiefel, Pilotenbrille im Gesicht: Dieser Psychopath könnte auch einem aktuellen Fahndungsfoto entstammen. Und wie alle Bösewichte, die zu faszinieren vermögen, ist er kein stumpfer Killer. Vratogna, der hünenhafte Kahlkopf, spielt die Intelligenz dieser menschlichen Bestie in feinsten Nuancen aus.
Ein früher Höhepunkt der Inszenierung ist das „Credo” des Teuflischen. Mit seinem volltönend druckvollen Bariton bezeugt dieser Jago seinen tief empfundenen Nihilismus, seinen Spott über alle mühsam anerzogene Moral, alle Werte. Überzeugend aber auch die leisen Momente, wenn er über das Leben nach dem Tod philosophiert: „Und dann? Und dann?” fragt er mit zaghafter Stimme. Doch da ist – nichts, so will es auch das Bühnenbild, das auf spartanische Schlichtheit baut.
In weißblaues Licht ist die Szenerie bei Jagos Credo getaucht. Das bleibt fast den ganzen Abend so. Auf einer Bretterbühne aus schrundigen Holzplanken spielt das Drama, mal ergänzt um Stühle oder herumliegende Stiefel. Abstufungen von Grautönen dominieren Kostüme (Silke Willrett) wie Bühnenbild (Dirk Becker), bis die Schwärze schließlich alles überrollt. Als existenzialistisches Drama zeigt Jung-Regisseur Johannes Erath diesen „Otello”. So konzentriert sich fast alles auf die Psychologisierung der Charaktere – und die herrliche Musik.
Deren wunderbare Stimmungsmalerei und kühne Dramatik fächert das Opern- und Museumsorchester unter Sebastian Weigles Leitung beispielhaft auf. Das Irreale der „Credo”-Szene wird durch enervierend tremolierende Streicher trefflich untermalt. Den Charakter der munter galoppierenden Militärmusik treffen die Musiker ebenso präzise wie die lyrischen Passagen, wenn Desdemona (Elza van den Heever, mit ihrem samtweichen Sopran ein Lichtblick in der Düsternis) den Gatten um Barmherzigkeit anfleht.
Carlo Ventre als Otello hat es nicht leicht, mit seinem gleichwohl starken Heldentenor gegen Jago anzukommen. Zumal ihn die Regie bisweilen etwas täppisch bis komisch über die Bühne straucheln lässt. Da sollen ihm vor Eifersucht die Sinne schwinden. Nun ja. Da werden Desdemonas und eben Jagos Charakter doch viel eindringlicher, viel tiefer ausgeleuchtet.
Der Chor unter Matthias Köhler ist bestens disponiert. Die fröhlichen Trinklieder (samt pittoresker Rauferei) klingen ebenso inspiriert wie die Klagegesänge. Auch der Kinderchor (einstudiert von Michael Clark) macht seine Sache glänzend. Und gerade beim Auftritt der Mädchen und Jungen, die doch eigentlich ein Frühlingsfest für die schöne Desdemona inszenieren wollen, greift die beklemmende Dunkelheit der Inszenierung.
Die Kinder – die Jungen in dunklen Festtagsanzügen – bewegen sich in Zeitlupe über die Bühne, rückwärts über die grauen Planken gehend, unsicher suchend, scheinbar emotionslos und wie ferngesteuert. Das Weiß der Lilien, die sie bringen, wird wiederum von der allumgebenden Bühnenschwärze überlagert. Mehltau liegt über diesem Drama, auch in den scheinbar heiteren Momenten. Wenn sich nach knapp drei Stunden der letzte Vorhang im Opernhaus senkt, hallen Jagos Worte im Geiste noch lange wider. Verdi wäre stolz auf ihn.
Informationen über Aufführungstermine und Tickets unter www.oper-frankfurt.de.
„Otello”: Jago triumphiert
Musiktheater: Verdis Drama als düstere Vision in der Frankfurter Oper
FRANKFURT.
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