E-Paper | Mobil | Newsletter | RSS RSS
 
 
| |
 
SUCHE: | Erweiterte Suche |
 
| Suchen |
 
 
 
29. Januar 2012  | Von Thomas Wolff

„Orpheus und Eurydike“: Küsse im Konfettiregen

Ausdrucksvoller Tanz und Gesang am Staatstheater Darmstadt

| Vergrößern | Da haben sie sich wieder lieb: Susanne Serfling, Aki Hashimoto und Erica Brookhyser beim Happy End im Staatstheater. Foto: Barbara Aumüller
DARMSTADT. 

Die „schöne Einfachheit“, die der Komponist Mitte des 18. Jahrhunderts angestrebt hatte, übersetzt die Tanzchefin in ebenso klare wie dramatisch starke Aktionen und Bilder. Vom symbolschweren Pomp und Zierrat der höfischen Oper wollte Reformer Christoph Willibald Gluck den antiken Stoff – speziell „Orpheus“ als Ur-Stoff aller Opern – befreien. Die Darmstädter Inszenierung hätte sein Wohlwollen gefunden.
In einer neoklassizistischen Ideallandschaft von zeitloser Schönheit lässt Mei Hong Lin das zum bürgerlichen Liebesdrama verdichtete Stück spielen und tanzen. Griechisch-römischer Freistil bestimmt die luftigen Kostüme (Bjanca Ursulov). Das Bühnenbild ist ebenso bewegt und wandelbar wie die darin tanzenden Akteure. Ein riesiger, zunächst zu einem Kegel aufgeschichteter bunter Blätterhaufen ist das zentrale Element auf der Bühne, das erst den Zypressenhain markiert, dann wild durcheinanderfliegt, sich zu immer neuen Fraktalmustern fügt und beim Happy End noch das Material liefert für die Konfettiparade der glücklich Wiedervereinten. Das ergibt große Ornamente und starke Farbkontraste, in denen sich die Akteure und das Drama frei entfalten können – da ist Bühnenbildner Dirk Hofacker ein großer Wurf gelungen.
Das Tanzensemble wiederum nutzt diesen Freiraum genüsslich aus. Die Choreografie verstärkt dabei stets die innere Bewegung der liebeskranken Hauptakteure. Orpheus’ Klagegesänge am Grab der Gattin werden von zeitlupenartigen Trauergesten begleitet. Die Tänzer schreiten, drehen, winden sich in streng stilisierten Posen der Verzweiflung und Innerlichkeit – manche Renaissance-Skulptur dürfte da Pate gestanden haben. Doch dann schließen sie sich plötzlich zu einer einzigen großen Sternform zusammen, heben die Hände himmelwärts – eines von vielen einprägsamen Motiven dieses Abends.
Action kommt in das Seelendrama hinein, sobald Orpheus Einlass in die Unterwelt begehrt, was die dortigen Halbwesen bekanntlich erst mal ablehnend bescheiden. Da tanzen die Furien wild umeinander, ekstatische Zuckungen und expressive Gestik und Mimik bestimmen die Bühne, dieweil der Chor vom Balkon aus sein machtvolles „No!“ erschallen lässt – ein überraschender und wirkungsvoller Raumklang, den das Publikum da erlebt (Chor: André Weiss und sein Nachfolger Markus Baisch).
Die Bestien werden natürlich doch vom lieblich-beschwörenden Gesang des Orpheus gezähmt. Die Regie lässt die Tänzer dabei wiederum sinnfällig das Innenleben des Sängers spiegeln: Die wollüstige Ekstase der Horde wandelt sich in zärtliches Liebeswerben, die Furien schmelzen in fließenden Bewegungen dahin, bis sie Orpheus als feste Paare umschwärmen – ja, so sittsam hatte sich Gluck das bürgerliche Idealleben wohl vorgestellt.
Entsprechend zahm klingt ja auch seine Musik. Alles allzu Dramatische ist diesem Minimal-Barock ausgetrieben. Das bedeutet Schwerstarbeit für das Orchester unter Leitung von Martin Lukas Meister. Die vielen kleinen, fast unscheinbaren Motive für Trompete, Violine oder Harfe müssen schon klar herauspräpariert werden, damit man sie überhaupt wahrnimmt.
Ansonsten zieht sich die gemessene Festlichkeit der Gluck’schen Arrangements fast gleichförmig durchs Geschehen. Dass das Ganze in anderthalb Stunden am Stück , somit einigermaßen straff durchgezogen wird, tut der Sache gut. Dennoch gibt es Längen – weil die Tänzer über längere Strecken rätselhafterweise ganz von der Bildfläche verschwinden und sich dafür längliche Orchester-Rezitative ausbreiten.
Sparsam ging Gluck schließlich auch bei der Besetzung vor. Drei Figuren, das ist alles. Jede einzelne ist daher stark gefordert. Alle drei bekommen in Darmstadt kräftigen Applaus: Susanne Serfling singt die Eurydike als Hin- und Hergerissene mit quellklarem Ton, erlaubt sich nur in ihrer „Wut-Arie“ wenige, stets vom Drama motivierte Ausflüge in himmlische Höhen. Aki Hashimoto gibt mit ihrem verspielt-schillernden Sopran den Amor als neckischen Spaßvogel.
Riesenbeifall am Schluss für Erica Brookhyser: Mit klug dosierter Dramatik und einer vollen, erdigen Altstimme sang und spielte sie überzeugend die Seelenpein wie auch die finalen Glücksgefühle des Titelhelden.

Informationen über Aufführungstermine und Tickets unter www.staatstheater-darmstadt.de.

 
 
BEWERTUNGEN
  •  
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
Bitte melden Sie sich an, um den Artikel zu bewerten. | Anmelden |
Dieses Thema kann nicht kommentiert werden.

 
Veranstaltungskalender
 
Veranstaltungskalender
Ihre Termine in ganz Südhessen für Kultur und Kunst, Märkte und Feste, Party und Clubs.
 
| Mehr |
Wetter: Heute | Morgen |
 
Morgens Mittags Abends
 
 
Darmstadt aktuell:
wolkig, 27°C | Mehr Wetter |
... ... ...
 
ANZEIGE
ECHO-LESERREISEN
Frühsommer am Gardasee Sonderzugreise mit dem Classic Courier
| Mehr |
Abo
 
Mini-Abo Genießen Sie die Berichterstattung zur Fußball-EM. Nutzen Sie außerdem Ihre Chance auf 1 von 8 ...
Mehr |
 
 
 
SCHON GESEHEN?
 
 
ANZEIGE