Giuseppe Verdis Melodrama um einen allzu fröhlichen Hofstaat, der rauschend in die Katastrophe walzert, liefert eine Reihe von Archetypen, die heute so gültig sind wie zu seiner Entstehungszeit vor 150 Jahren. Operndirektorin Tatjana Gürbaca, die wieder die Regie übernahm, sprach vorab von einem „Sinn für Theatralität, der auch die Schein-Regentschaft Riccardos ausmacht“. Derartige Blender findet man ja wahrlich nicht nur im Amerika der Opernvorlage. „Cavaliere” Berlusconi würde sich auch prima in der Hauptpartie dieses „Maskenballs“ machen, von aktuelleren Protagonisten der politischen Bühne zu schweigen.
So gibt Gürbaca das Ganze als gesellschaftspolitische Groteske. Mit starken Bildern führt sie die anfängliche Lustspiel-Heiterkeit in dramatische Gefilde, lässt das politische Machtvakuum förmlich implodieren, gipfelnd in Szenen exzessiver Gewalt und besinnungslosen Entertainments.
Da wirft Regent Riccardo, den eigenen Tod schon vor Augen, mit bunt bemaltem Clownsgesicht und alleweil grinsend mit Geldscheinen um sich, um sich vom Volk noch einmal mit La-Ola-Wellen feiern und dann wie ein Popstar auf Händen forttragen zu lassen. Das Orchester (sicher durch alle Stimmungsbilder dirigiert von Andreas Hotz) spielt dazu Verdis triumphale, schmissige Märsche. Man möchte mitklatschen – und gleichzeitig die Hände vors Gesicht schlagen.
Starke Kontraste dieser Art setzt die Regisseurin immer wieder gezielt ein. Töten wird hier zum Kinderspiel, wenn ein kleiner Junge mit der Pistole der Killer auf ebendiese zielt und die sich wie zum Spaß winden. Vergewaltigung wird als bizarrer Reigen inszeniert: Eine Horde singender und obszön schunkelnder Clownsfiguren fällt der Reihe nach über Amelia her, und auch da klingen die Streicher wie beschwingt. Nicht nur die Kostüme der Verschwörer – weiße Handschuhe und Bowler-Hüte – lassen an die mörderischen Kindsköpfe aus Stanley Kubricks „Uhrwerk Orange” denken.
Diese beklemmende Stimmung steigert die Regisseurin bis zum Schluss. Den finalen Maskenball lässt sie in den Trümmern bürgerlicher Existenz tanzen, vor Renatos verwüstetem Häuschen, zwischen zerbrochenen Hochzeitsbildern, Stehlampe und Bügelbrett. Zeremonienmeister Oscar ruft freudig dazu: „Es wird prachtvoll, die Schönsten der Schönen werden zusammenströmen!” Womit der Kreis zu den Partys der hohlen Celebrity-Gesellschaft sich schließt.
Durchweg starke Stimmen sind in dieser Produktion zu hören. Ruth Staffa singt die unglückliche Amelia mit einem wunderbar weich konturierten Mezzosopran, Bariton Heikki Kilpeläinen bekam für seinen kraftvoll-eindringlichen Renato ebenso Szenenapplaus.
Herausragend Tatjana Charalgina: Sie gab den Pagen Oscar als koboldhaften Spaßsüchtigen, ihr quirliger, blitzsauberer Koloratursopran passte glänzend dazu. Besonders dankbaren Applaus empfing Tenor Richard Carlucci. Der Sänger war am Vormittag aus Erfurt angereist, um die Hauptpartie zu singen – vom Bühnenrand aus. Der planmäßige Riccardo, Zurab Zurabishvilli, war kurzfristig stimmlich indisponiert, spielte aber auf der Bühne – immer wieder eine surreal anmutende Konstruktion, die in diesem Fall aber gar nicht schlecht zur Stimmung des Stücks passte. Demnächst möchte man dennoch mal hören, wie Zurabishvilli die Sache meistert.
Informationen über Aufführungstermine und Tickets unter www.staatstheater-mainz.de.
„Maskenball“: La Ola für den Partykönig
Premiere: Verdis Oper wird am Staatstheater Mainz zur Groteske über den hohlen Polit-Zirkus
MAINZ.
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