Die Rheintöchter nehmen Siegfried ein Stück mit in ihrem Schlauchboot. Nur gut, dass es groß genug ist, neben vier Personen auch noch ein Megafon und das Protestplakat „Rettet den Rhein“ zu tragen. Auf Jens Kilians Bühnenscheibe geht es für die lustige Gesellschaft flott voran, doch beides bleibt die Ausnahme: Weder Gags noch Technik stehen bei der Frankfurter „Götterdämmerung“ im Vordergrund. Das hat diese nun vollendete Version vom „Ring des Nibelungen“ nicht nötig, der unter vielen „Ringen“ kurz vorm Wagner-Jahr 2013 die Krone gebührt.
Nur ein paarmal ist Regisseurin Vera Nemirova auf dumme Gedanken gekommen oder hat mit Ideen gegeizt. Das meiste aber ergibt Sinn. Das Bühnenbild allein – vier drehbare, ineinandergelegte Kreise um eine Scheibe – böte alle Möglichkeiten, aus Wagners Menschheitsdrama eine kleine Sensation zu machen; es lässt Rampen, Räume, Klippen, Wellen und Fluchten im Ringumdrehen entstehen. Wie im „Siegfried“ wird es nun aber recht sparsam genutzt und dient eher als Farbfläche. Nach Blau, Braun und Grün ist die Weltenscheibe als „Raum-Zeit-Maschine“ (Kilian) nun vorwiegend in ein fahles Grau getaucht. Die geneigte Fläche bleibt einprägsames Sinnbild für eine kippende Welt, in der alles und alle ins Rutschen kommen. Auf diesem Tableau spielen sich auch die zwei stärksten Szenen ab.
Am Schluss schauen die Menschen auf der Bühne betroffen dem Untergang zu. Er muss sich im hell erleuchteten Zuschauerraum abspielen, wo auch die bedröppelten Götter auftauchen und wo Alberich in Vertretung Hagens „Zurück vom Ring!“ ruft, bevor er das Publikum mit Fuck-you-Geste bedenkt. Das Theater rückt seinen Besuchern gehörig auf die Pelle und aktualisiert Wagners Botschaft an seine bürgerlichen Zeitgenossen. Mehr als ein greller Lichtblitz und mehr als John Dews Darmstädter Atomexplosion zum Finale der „Götterdämmerung“ macht die persönliche Ansprache betroffen: Es ist Eure Katastrophe.
Ebenso nahe liegt die Gestaltung der ersten Szene: Die Nornen um die voll- wie wohltönende Meredith Arwady schlingen ihren Schicksalsfaden um die maßgeblich am Schlamassel Beteiligten, die auf der Bühne sortiert sind: greise Götter, Riesen, Rheintöchter. Alberich löst sich, schneidet das Seil durch und entfesselt damit einmal mehr üble Kräfte in dieser großen Parabel von Liebe, Hass, Macht und Niedertracht. Es ist ein schlichter Einfall, der aber wie die meisten anderen etwas zur Sache tut. Nemirovas Erfolg in Frankfurt hat damit zu tun, dass sie Wagners sperriges Drama beim Wort genommen und der Versuchung widerstanden hat, eine andere Geschichte zu erzählen. In dieser steckt ja schon das Universum drin; da lohnt es sich, mit Konventionen Halt zu bieten.
Und so bleibt Hagen böse, Gunther peinlich, Siegfried blond und blöd. Der Held trägt Schurz und Brustpanzer. Doppelbödigkeit kann bei den Figuren kaum ausgemacht werden, aber es geht schließlich ums Prinzipielle. Was darüber hinaus in den Personen vorgeht, können sie mit Musik deuten.
Lance Ryan als Siegfried und Susan Bullocks Brünnhilde bilden ein Traumpaar, das wie von selbst aus Zärtlichkeit und Schwelgerei den Hass entstehen und hören lässt, der sich in der höllisch schweren Passage nach dem Doppel-Eid Bahn bricht. Stufenlos schalten beide zwischen Schmelz und Schärfe; keine Spur von Verschleiß auch nach fast sechs Stunden.
Beide stehen für ein Ensemble, das diesen „Ring“ in die Weltliga katapultiert hat. Immer wieder gibt es ausschließlich positive Überraschungen. So muss Johannes Martin Kränzle den Gunther als bebrillte Witzfigur im Anzug spielen, die im Finale nicht mal erschlagen, sondern nur weggeschubst wird. Doch er will und kann mehr: In vielen Schattierungen zeigt der Bariton die mit Kraft unterfütterte Schönheit des Schwächlings, der von allen Beteiligten am menschlichsten wirkt. Einzig Anja Fidelia Ulrich als Gutrune kann ihm hier folgen; der betrogenen Betrügerin verleiht sie mit schlanker, beweglicher, geradezu verletzlicher Stimme Format.
Das Böse bleibt in Frankfurt lange Zeit in Reserve. Gregory Frank unterspielt seinen Hagen in der Gibichungen-Bar, lässt sich dann aber um so wirkungsvoller zum Ausbruch hinreißen, zum Beispiel im martialischen Hochzeitsruf, dem mehr als 50 Chor-Männer Bärenstärke verleihen. Zusammen mit dem bewährten Alberich Jochen Schmeckenbecher bietet Frank eine schauspielerische Glanzleistung der Dunkelmänner. Seine Bezwinger, die Rheintöchter, sind einmal mehr betörend.
Auf Flut und Feuer folgen in Frankfurt Applaus-Orkanböen für das Opern- und Museumsorchester. Unter Sebastian Weigles lebhaften Anweisungen, die aus Details große Zusammenhänge schöpfen, zimmern die Musiker die jeweilige Klang-Kulisse für große Gefühle und Gemeinheiten. Edel-Metall, Streicherflirren und die Süße der Holzbläser vereinen sich zur Wagner-Wertarbeit: molto espressivo, supersauber und weitgehend fehlerfrei. Fast beruhigend wirkt es da, dass gleich der erste Einsatz im dritten Aufzug richtig in den Sand gesetzt wird. Ein menschlicher Zug in einer göttlichen Inszenierung.
Informationen über Aufführungstermine und Tickets unter www.oper-frankfurt.de.
„Götterdämmerung“: Es ist Eure Katastrophe
Musiktheater – Nur ein paarmal ist Regisseurin Vera Nemirova auf dumme Gedanken gekommen oder hat mit Ideen gegeizt
FRANKFURT.
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