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27. Dezember 2011  | Von Thomas Wolff

„Die Lustige Witwe“: Ball der Tanzmuffel

Premiere: Lehárs bunter Spaß – aber seltsam bewegungsarm

| Vergrößern | Begehrte Witwe: Adréana Kraschewski als Hanna Glawari in der Lehár-Operette. Foto: Barbara Aumüller
DARMSTADT. 

Als großartige bonbonfarbene Fantasie malt das Staatstheater Darmstadt sich Franz Lehárs „Die Lustige Witwe“ aus. Kraftvolle Kontraste und riesenhafte Prunk-Ornamente bestimmen die Bühne (David Zinn). Die dekadente Gesellschaft des Operettenstaats Pontevedro geht in leicht cartoonhaft überzeichneten Kostümen (ebenfalls von Zinn) und ebensolchen Gesten – Bartgezwirbel, Augengerolle – ihren Amouren und Amtsgeschäften nach. Es ist ein zeitloses Märchenland, das der US-Gastregisseur Chas Rader-Shieber mit seinem Team hier entwirft – aber keinesfalls beliebig in der Motivwahl, sondern mit Gespür für zeitgemäße Stilisierungen. Das ist in sich alles schlüssig und liefert einen plakativen Rahmen fürs bunte Durcheinander der Witwenjagd. Und doch fehlt über weite Strecken etwas: der Schwung.
Dabei hatte der Anfang so viel Spaß versprochen. Nette kleine Gags begleiten schon die feierliche Ansprache von Baron Zeta, dem pontevedrinischen Gesandten in Paris. Während der mit durchdringendem, metallischem Bass (bärenstark: Monte Jaffe) zur Rettung der Witwenmillionen fürs Vaterland aufruft, wird sein Pathos schon durch allerlei Nebengeplänkel hübsch untergraben. Das Diplomatencorps schwenkt mit patriotischem Gestus Papierfähnchen, auf denen das Landeswappen – eine auf dem Rücken liegende Sau – veralbert wird; die Pariser Schürzenjäger, als Lackaffen in Goldanzügen verpackt, liefern sich kleine Kabbeleien am Rande des gewichtigen Geschehens. So weit, so reizend.
Dazu spielt das Orchester unter Leitung von Witolf Werner mit Elan förmlich zum Tanz auf. Mit einer schlanken Besetzung schafft er einen wunderbar intimen Klang, der sowohl das Sentiment der geigenseligen Liebeswalzer präzise trifft wie auch den Verve der schmissigen Militärmärsche: Trommelwirbel, Tusch und funkelndes Blech. Der gelernte Militärkapellmeister Lehár hätte seine Freude daran gehabt. Und zu seiner Zeit wäre das Bühnenpersonal, wären all die Diplomaten, Mätressen und Grisetten zu dieser Musik nur so über die Bühne gefegt. Aber nicht in Darmstadt.
Das ist besonders im zweiten Teil des Abends misslich. Denn Akt zwei und drei sind ja eigentlich ein einziger Festball, kurz unterbrochen von ein bisschen Geturtel. Doch bis auf den kurzen Auftritt der – allerdings hinreißend schrillen – Grisetten, die aus einem großen Geschenkkarton hüpfen dürfen, erlahmt das Geschehen auf seltsame Weise.
Noch die schwungvollsten Wiener Schlager werden fast unbewegt an der Rampe vorgetragen. „Das Studium der Weiber“ wird von der Herrenriege auf Stühlen weitgehend auf Kaffeehausstühlen hockend gesungen. Man möchte hingehen und sie zum Tanz auffordern. Aber Damenwahl war ja schon im ersten Akt.
Auch der Chor, der ja die Gästeschar darstellen soll und am Schluss gesanglich richtig aufdrehen darf (bestens durch alle Tempi gelotst von André Weiss) schockelt meist nur ein bisschen mit den Hüften. Vielleicht kommen die Diplomaten an Silvester ja noch mehr in Fahrt.
Mit umso herzlicherem Szenenapplaus bedankte sich das Premierenpublikum bei den gut aufgelegten Sängern – vor allem bei den Sängerinnen. Adréana Kraschewski verlieh der Witwe Glawari mit ihrem fabelhaft runden, weichen Timbre den passenden Liebreiz, selbst in höchsten Spitzentönen alles Grelle vermeidend. Ebenbürtig die Sopranistin der zweiten Hauptpartie: Margaret Rose Koenn sang die zwischen Lust und Ehrgefühl hin- und hergerissende Valencienne mit zart-lyrischem Schmelz, der besonders in den heiter-melancholischen Duetten mit ihrem Camille (Minseok Kim, ein in allen Lagen sicherer Tenor) anrührte.
Spaß machte den Premierengästen auch Walter Renneisen. Als clownesk kostümiertes Faktotum Njegus darf er sich ungestraft durch alle Anzüglichkeiten der Vorlage kalauern. Die ach so pikanten Zoten aus Großvaters Zeiten zünden ja schon lange nicht mehr – eigentlich. Aber wenn Renneisen dazu nach Derwisch-Art tanzt, sich das Landesfähnchen zwischen die Beinchen klemmt, alles mit der steinern-vollernsten Miene der Buster-Keaton-Schule, dann breitet sich im Saal doch fröhliches Gekicher aus.
Großer Beifall nach zweidreiviertel Stunden Operette schließlich auch für einen eilends angereisten Gast, der eigentlich nur am Rande vorkam und doch so wichtig wahr. Uwe Schenker-Primus vom Nationaltheater Weimar sang von seinem Notenpult neben der Bühne aus mit kraftvoll-einfühlsamem Tenor den Danilo, dieweil der eigentlich vorgesehene David Pichlmaier dazu auf der Bühne bloß agierte, immerhin die Sprechtexte meisterte – noch ein Erkältungsopfer, nachdem es unlängst schon Joel Montero kurz vor der „Lucia“-Premiere erwischt hatte. Wie sagen die Wiener: Wird scho’ werden.

Informationen über Aufführungstermine und Tickets unter www.staatstheater-darmstadt.de.

 
 
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