Es ist zu schön, um wahr zu sein: Ganz langsam schwebt der Engel herein, stehend in einem kuriosen Luftschiff aus Metall. Die hellblonden Engelslocken schimmern, das weiße Kleid glitzert, die Flügelchen funkeln. Ganz langsam breitet Sandy Mölling die Arme aus und die transparenten Trompetenärmel bilden zwei Zusatzflügel. Glockenhell erhebt sich ihre Gesangsstimme: „Spür’ dein Herz, es erklingt eine ganz leise Melodie.“
Leise Melodien aber sind ansonsten eher rar gesät bei dem Familienmusical „Vom Geist der Weihnacht“, das jetzt in der Alten Oper Premiere feierte. Angelehnt an die Weihnachtserzählung „A Christmas Carol“ von Charles Dickens aus dem Jahr 1843, handelt es sich dabei um eine temporeiche und gefühlsbeladene Revue, die von der Läuterung des skrupellosen und geizigen Geschäftsmanns Ebenezer Scrooge zu einem gutherzigen Mann mit Geberqualitäten erzählt. Und „das Musical, das die Herzen öffnet“, so der Beititel, setzt hierzu teils regelrecht das Stemmeisen ein.
Dem kleinen Jungen in Reihe zehn steht über weite Strecken der gut zweistündigen Vorstellung der Mund halb offen vor Staunen. Es ist eine beeindruckende Fülle, die dem Publikum da unter der Regie von Iris Limbarth geboten wird: aufwendige Kulissen und Kostüme, stimmungsvolle Licht-, Schatten- und Farbspiele, Viel-Personen-Szenen mit Gewusel und starken, mehrstimmigen Gesängen.
Weitere Vorstellungen sind am Freitag (23.) sowie von Sonntag (25.) bis Donnerstag (29.) jeweils um 14.30 und 19.30 Uhr in der Alten Oper Frankfurt.
Das beginnt schon mit der ersten Szene, in der die Darsteller geschäftig über den Marktplatz eilen und sich vorfreudig auf dem Heiligen Abend einstimmen. „Fröhliche Weihnachten“ ruft’s feierlich aus der Menge, während die Zuschauer kurz darauf von Ekel Scrooge zu hören bekommen: „Weihnachten ist Rattendreck.“ Das markiert gleich die beiden Pole, zwischen denen die Geschichte changiert – Wärme und Kälte, Geben und Nehmen, Gutmensch und Bösewicht.
Die große Geste dominiert dabei auch musikalisch. Unter der Leitung von Wolfgang Wilger spielt die achtköpfige Band die Musicalkompositionen so perfekt, dass es wie vom Band klingt. Die Musik entwickelt stellenweise eine derartige Wucht, dass es für eine Weihnachtsgeschichte fast überladen anmutet. Da wäre weniger manchmal mehr, wie in der Szene im Laden der lebensfrohen Familie Fezziwig deutlich wird: Dass die Darsteller da ganz ohne Musik einen Rap über das Essen anstimmen, ist eine schöne Überraschung und erntet begeisterten Applaus.
Hervorstechend in der Rolle als Scrooge ist Kristian Vetter, der den herzlosen Fiesling stilecht verkörpert. Als verbitterter Mann im verhüllenden Mantel, Zylinder und Gehstock zetert, krakelt, grummelt und spuckt er sich durch das Stück so ausdrucksstark, dass man sich unter ihm wegducken möchte. Und wenn seine kräftige Stimme hochtönig krächzt, als habe er zuvor Helium eingeatmet, dann klingt daraus die Hysterie eines Mannes, der im Grunde nur Zuneigung will. Diesen Part übernimmt sein untoter Freund Marley (Werner Bauer), ein ulkiger Geist ganz in Grau, dem die Kleiderfetzen und Ketten wie mattes Lametta vom verstaubten Anzug baumeln. Um endlich von der Erde wegzukommen, muss er seinen Gefährten in einen guten Menschen verwandeln. Unterstützung bekommt er dabei vom Engel, der mit der blonden Sandra Mölling treffsicher besetzt ist – auch deshalb, weil sie einst Sängerin der Girlgruppe „No Angels“ war.
„Vom Geist der Weihnacht“ geht mit viel Professionalität, Spielfreude und Musicalroutine über die Bühne. Doch das ist auch ein Haken: Es bleibt wenig Raum für die Schönheit im Kleinen und Stillen, wofür Weihnachten auch steht. Um mit dem Engel zu sprechen: Die ganz leise Melodie, die das Herz spüren lässt – die klingt kaum an. Es ist wahrlich ein opulentes Festtagsmenü, das da kredenzt wird. Manchmal aber wäre vielleicht ein schlichtes Würstchen mit Kartoffelsalat passender.

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