Das erlebt man selten: Allein die Zugabe, eine vor kabarettistischem Esprit und virtuoser Vokalartistik schier überschäumende Huldigung an die „Schöne Isabella von Kastilien“, ist einen Besuch von „Die Comedian Harmonists Teil 2 – Jetzt oder nie“ im Darmstädter Staatstheater wert. Am Samstag war die vom Nationaltheater Mannheim übernommene Produktion erstmals im Großen Haus zu sehen, wobei die Ovationen und der Schlussapplaus den schwachen Premierenbesuch vergessen ließen. Nachdem in Darmstadt von 2007 bis 2010 Gottfried Greiffenhagens Bühnenrevue „Comedian Harmonists“ zu einem großen Publikumserfolg avancierte, baut der Autor mit seinem zweiten Teil erneut auf die andauernde Beliebtheit der ehemaligen Berliner Gesangsgruppe: Bis heute werden die Lieder der „Comedian Harmonists“, die sich 1929 zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorstellten, von vielen Gesangsgruppen imitiert und haben sogar inzwischen den Eingang in Schul-Musikbücher gefunden. Im Sog von Eberhard Fechners Dokumentarfilm (1976), seinem auf ausführlichen Interviews basierendem Buch (1988) und Josef Vilsmaiers Spielfilm (1997) gehen Gottfried Greiffenhagens Stücke über „Die Comedian Harmonists“, ihr Leben, ihren Traum und ihre Lieder, einen weiteren Schritt zur Popularisierung der Gesangsgruppe.
In seinem zweiten Teil geht Greiffenhagen der Frage nach, was aus den Sängern nach ihrer Trennung im Februar 1935 geworden ist. Damals, nach ihrem letzten Tonstudiobesuch, verhängte die Reichsmusikkammer das Berufsverbot gegen die drei jüdischen Mitglieder der Gruppe und zwang sie dadurch, aus Deutschland zu emigrieren. Zu ihnen gehörte der Tenorbuffo Harry Frommermann, den Greiffenhagen als Erzähler in den Mittelpunkt seiner Revue stellt. Bis zu seinem Tod im Jahr 1975 träumte Frommermann, von Wolfgang Beigel unprätentiös dargestellt, vom „Vocal Orchestra“, von der „Entpersönlichung der Stimme“ in einem unverwechselbaren Gesangs-Ensemble.
Auf der Darmstädter Bühne, die mit Drehscheiben in Form von Tonbandspulen, schräg gegeneinander laufenden Koffer-Laufbändern und einem stimmig ausgeleuchteten Rückprospekt von Sandra Meurer äußerst praktikabel gestaltet ist, wird die Geschichte der beiden Nachfolgegruppen (das „Meistersextett“ in Berlin und die „Comedy Harmonists“ in Wien) erzählt, die sich während des Zweiten Weltkriegs auflösten.
Erzählt wird weiterhin von den bunt bewegten Lebensgeschichten der einzelnen Sänger und ihren Schicksalen, von stets zur Flucht bereitstehenden Koffern, von Zwist und Neid, Geld und Stolz, Streit um Tantiemen, von gegenseitigen Schuldzuweisungen, von der Aufarbeitung der Vergangenheit. Erzählt wird schließlich auch die traurige Geschichte, wie aus Freunden Feinde werden.
Gut zwanzig Musiktitel, musikalisch eingerichtet und wirkungsvoll arrangiert von Jörg Daniel Heinzmann, bilden das Rückgrat der Inszenierung von Olaf Strieb. Carlos Horacio Rivas, Karl Heinz Herber, Alexander Franzen, Steffen Häuser und Frank Bahrenberg sind künstlerische Allrounder, die nicht nur als klanglich faszinierende, bestens aufeinander abgestimmte Gesangsformation, sondern auch in ihrer darstellerischen Beweglichkeit brillieren und sich mit Flamenco-Posen, Koch- und Zipfelmützen (Kostüme: Sandra Meurer) manchen Jux erlauben. Während einige schwächere Lieder nicht so recht mithalten können, sind es die großen Zugnummern („Ali Baba“, „Veronika, der Lenz ist da“, „Mein kleiner grüner Kaktus“), die in ihrer Perfektion und Präzision begeistern und von Jan-Andreas Kemnas feinfühliger, flockig-lockerer Klavierbegleitung profitieren. Von samtweicher Pianissimo-Kultur bestimmt sind Silchers „Morgen muss ich fort von hier“, Schuberts „Ständchen“ und das abschließende Wiegenlied.
Virtuos und hinreißend sind die stimmakrobatischen Instrumental-Imitationen: In Rossinis Ouvertüre „Der Barbier von Sevilla“ säuseln Violinen und brummeln Kontrabässe, die Oboe quakt, das Fagott kichert. Und wenn am Ende von fast drei sehr kurzweiligen Theaterstunden das Sextett mit Duke Ellingtons „Creole Love Call“ mühelos eine swingende Jazzcombo mit näselndem Saxofon und gestopften Trompeten simuliert, ist Harry Frommermanns Traum vom „Vocal Orchestra“ Wirklichkeit geworden.
Informationen über Aufführungstermine und Tickets unter www.staatstheater-darmstadt.de.
„Comedian Harmonists“: Singend auf dem Weg zur Feindschaft
Eine Inszenierung aus Mannheim setzt in Darmstadt die Geschichte fort
DARMSTADT.
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